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70 Jahre Frieden! – Wie lange noch?

Von Hubert von Brunn 

70 Jahre Frieden in Mitteleuropa – der längste zusammenhängende Zeitraum ohne kriegerische Auseinandersetzung in diesem seit Jahrtausenden umkämpften Teil der Welt. Welch eine glückliche Fügung für einen Zeitgenossen wie mich, dem die „Gnade der späten Geburt“ zuteil wurde, der nie die Gespenster des Krieges wie Hunger, Vertreibung, Zerstörung, Verwundung, Verletzung am eigenen Leib verspüren musste. Die Abwesenheit von Krieg ist für mich – erst recht nach 1989 – zu einer Selbstverständlichkeit geworden, mein Leben in diesem glückseligen Zustand auch beenden zu dürfen. Dessen bin ich mir heute nicht mehr so sicher!

Wenn man genau hinsieht und sich von den Beschwichtigungsversuchen unserer Politiker (und deren untertänigen Leitmedien) nicht blenden lässt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass der 3. Weltkrieg bereits im Gange ist – in der Wahrnehmung Vieler eher schleichend, latent, irgendwie weit weg. Aber gerade das macht die Bedrohung extrem gefährlich. Dieses Mal wird es wirklich die ganze Welt erwischen – auch uns auf der mitteleuropäischen „Insel der Glückseligen“ – und dieses Mal werden Waffen eingesetzt mit einem Vernichtungspotenzial, wie es die Menschheit bisher noch nicht erfahren hat. Einen ordentlich erklärten Krieg, bei dem die jeweiligen Gegner klar erkennbar sind, zu dessen Entscheidungsschlacht man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort verabredet – wie etwa vor 200 Jahren Franzosen, Briten und Preußen bei Waterloo – wo junge Männer in schmucken Uniformen in den Kampf ziehen, um notfalls für Volk und Vaterland zu sterben – eine solche klar definierte Auseinandersetzung, bei der sogar noch gewisse Regeln eingehalten werden, wird es nicht mehr geben.

Der Planet Erde könnte aus dem Sonnensystem verschwinden

Alle Kriege, die seitdem – wo auch immer auf der Welt – geführt wurden, sind von Mal zu Mal unpersönlicher, distanzierter, technischer und schmutziger geworden. Diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt und ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht in einem ungeheuren Atomwaffen-Arsenal, das geeignet ist, unseren Planeten mühelos aus dem Sonnensystem verschwinden zu lassen: Derzeit sofort einsetzbare Atomsprengköpfe auf amerikanischer Seite 2080 (Gesamtzahl 7260), auf russischer Seite 1780 (Gesamtzahl 7500). Hinzu kommt das offiziell bekannte atomare Vernichtungspotenzial von Großbritannien, Frankreich und China und das offiziell weniger bekannte von Israel, Pakistan und Nordkorea etc.. Was zum Teufel soll das? Mehr als einmal könnt Ihr die Welt nicht in die Luft jagen.

Wenn von „schmutzig“ die Rede ist, dürfen wir natürlich die hauptsächlich von den USA eingesetzten bewaffneten Drohnen nicht vergessen. Aus sicherer Entfernung von einem Sergeant per Joystick (schönes Wort in dem Zusammenhang) gelenkt, werfen sie ihre tödliche Fracht ab, zerstören Industrieanlagen und töten Menschen. Derweil geht der Sergeant nach getaner Arbeit in die Kneipe und trinkt in aller Gemütsruhe sein Feierabendbierchen. Asymmetrische Kriegsführung nennt man das. Das Zielobjekt hat keine reelle Abwehrchance, ist von vornherein Opfer und wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, hat leider Pech gehabt. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen wurden und werden „Kollateralschäden“ jederzeit als unvermeidbar in Kauf genommen. Heute mehr denn je.

Asymmetrische Kriegsführung – perfide wie nie

Asymmetrische Kriegsführung, also eine militärische Auseinandersetzung zwischen waffentechnisch, logistisch und organisatorisch sehr unterschiedlich ausgestatteten Parteien, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Die gab es schon in der Antike und spielte bei fast allen kriegerischen Konflikten im Laufe der Jahrtausende eine nicht unwesentliche Rolle: Untergrundorganisationen, Attentate, Partisanen, Widerstandskämpfer usw. – das alles kennen wir aus der Geschichte. Das wirklich Perfide an der asymmetrischen Kriegsführung unserer Tage ist die vollkommene Anonymisierung des Angreifers zur Zeit des Angriffs und die vollkommene Chancenlosigkeit der späteren Opfer, sich gegen den Angriff zu wehren oder sich gar in Sicherheit zu bringen.

Dieser schmutzigen Tötungsstrategie bedienen sich allerdings nicht nur die Drohnen-Versender, sondern auch die extrem islamistischen Terroristen. Wenn sich religiöse Fanatiker, darunter selbst indoktrinierte Frauen und Kinder, einen Bombengürtel um den Leib binden, einen möglichst belebten Ort in Bagdad oder Kabul, aber auch in Madrid oder London aufsuchen, um sich dort selbst und mit ihnen möglichst viele unschuldige und wehrlose Menschen in die Luft zu jagen, dann ist jegliche Verteidigung oder Fluchtmöglichkeit vollkommen ausgeschlossen. Das ist der Gipfel der Menschenverachtung – durch keine Ideologie und keine Religion zu rechtfertigen.

Die Finanzwaffe kann alles kaputt machen

Kommen wir zu einem weiteren hoch brisanten und gefährlichen Aspekt moderner asymmetrischer Kriegsführung, der Finanzwaffe: Hochgradig anonymisiert, extrem machtvoll und gnadenlos agierend. Eine global einsetzbare, von demokratischen Staaten wie dem unseren auch noch systemisch unterstützte (!) „saubere“, d.h. ohne unmittelbares Blutvergießen auskommende Waffe, die per Mausklick innerhalb von Sekunden Einzelpersonen, Unternehmen und ganze Länder (siehe Griechenland) kaputt machen kann. Jeder halbwegs informierte und denkende Mensch weiß, dass das Primat der Politik längst gebrochen ist zugunsten der unkontrollierbaren Macht des Kapitals. Und er weiß auch, dass dieses System von Profitgier, Ausbeutung und virtueller Geldverschiebung auf Dauer nicht haltbar ist. Dass es Tag für Tag für noch mehr Ungerechtigkeiten auf der Welt verantwortlich ist und dass es in dem verzweifelten Kampf der Menschen um ihre Existenz unausweichlich zu weiteren Bürger-(Kriegen), Terrorakten, Flucht, Vertreibung und Elend kommen muss.

Nie da gewesenes Flüchtlingselend

Womit wir beim nächsten Stichwort wären. Mehr als 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht – so viele wie, noch nie zuvor. Würde man all diese Menschen in einem Land „Refugie“ vereinen, wäre es die 24-größte Nation der Welt! Täglich werden es mehr, täglich kommen dabei Männer, Frauen und Kinder auf der Suche nach einer besseren, lebenswerten, sicheren Existenz ums Leben, auf dem Mittelmeer oder anderswo. Riesige Flüchtlingsströme streben aus Länder Zentral- und Nordafrikas, der Arabischen Halbinsel und des Nahen Osten in Richtung Europa. Welche Sünden des Kolonial-Imperialismus der Europäer – insbesondere der Briten – in der Vergangenheit dafür verantwortlich sind, soll hier nicht weiter erörtert werden. Es würde zu weit führen und den Rahmen dieses Artikels sprengen. Beschränken wir uns auf die wesentlichen Stichworte: Gewaltsame Landnahme, Unterdrückung, Ausbeutung, Versklavung, willkürliche Grenzziehungen… mit den nach der unvorbereiteten Entlassung aus der kolonialen Abhängigkeit zwangsläufigen Folgen: Diktatorische Regime, Korruption, kriegerische Auseinandersetzungen, polizeiliche/militärische Willkür, weiterhin Ausbeutung, Verarmung, Krankheiten und Perspektivlosigkeit der Menschen.

Islamistischer Terror

Aus dieser verheerenden Gemengelage, befeuert durch völlig unnötige, von den USA initiierte und überwiegend auch selbst geführte Kriege und schließlich getragen von einem absurd-religiösen Fanatismus konnten sich menschenverachtende, militante radikal-islamistische Gruppierungen wie Taliban, al-Quaida, IS, Boko Haram, al-Shabaab und wie sie alle heißen erst entwickeln. Erst die konsequente Destabilisierung von Ländern wie Irak, Syrien, Libyen, Iran, Sudan etc. konnte diesen „Gotteskriegern“ den Weg ebnen für ihren todbringenden Dschihad, dem bisher weit mehr Menschen muslimischen Glaubens zum Opfer gefallen sind als „Ungläubige“. Aber sie haben ihre verderblichen Nadelstiche auch schon in Europa gesetzt und sie werden nicht aufhören, es zu tun. Wenn sie sich erst einmal im arabischen Raum etabliert haben, werden sie sich mit aller Verruchtheit der asymmetrischen Kriegsführung in Europa zuwenden. Gnade uns Gott!

Angriffe aus dem Netz

Und dann ist da noch die anonymste, für normale Menschen absolut undurchsichtige, im Zweifelsfalle aber höchst wirksame, will sagen, höchstmöglichen Schaden verursachende Waffe, die heutzutage längst weltweit eingesetzt wird: Cyberkriminalität. Wo hoch spezialisierte und mit der entsprechenden kriminellen Energie ausgestattete Hacker am Werke sind, kann sich niemand, kein Unternehmen, kein Forschungslabor, keine Großbank, keine Regierung mehr davor schützen, abgehört und ausgespäht zu werden. Den Erfolg unserer Wirtschaft haben wir in erheblichem Maße dem Können, der Kreativität und dem Fleiß unserer Wissenschaftler und Ingenieure zu verdanken. Dieser Vorsprung, der uns Deutsche über Jahrzehnte Prosperität und Fortschritt beschert hat, ist extrem gefährdet. Und, wie wir inzwischen wissen, von allen Seiten, auch und gerade von denen, die wir Freunde nennen.

Anachronistisches Scharmützel in der Ukraine

Machen wir uns nichts vor: Der 3. Weltkrieg ist im Gange, ohne Bombenalarm in der Nacht, ohne Luftschutzkeller, ohne Zwangsrekrutierung, Marschbefehl und Schützengraben – das war gestern. Entsprechend anachronistisch wirkt z.B. der Ukraine-Konflikt. Dort bringt man sich noch nach dem alten Muster um, letztlich wegen ein paar Quadratkilometer und ein paar tausend Menschen, die nicht mehr zur Ukraine gehören möchten, sondern lieber zu Russland, oder ein unabhängiges Etwas anstreben. Angesichts der globalen Bedrohungen, denen alle Menschen, die gesamte Weltwirtschaft und alle Staatenlenker ausgesetzt sind, erscheint dieses Scharmützel eher klein und in seiner Regionalbezogenheit unbedeutend. Aber Vorsicht! Genau dieser kleinliche Gebietsstreit, der in seiner Dimension eher ins vorletzte Jahrhundert gehört, könnte der Auslöser sein für einen viel gewaltigeren Konflikt mit langfristig negativen Auswirkungen für die ganze Welt.

Vor den blutigen Auseinandersetzungen auf dem Meidan Anfang 2014 in Kiew hat sich kein Mensch um die Ukraine gekümmert, nicht in Europa und erst recht nicht in den USA. Dort wusste man weder, wie man es schreibt, geschweige denn, wo es liegt. Aber dann wurde dieses unbekannte Land quasi über Nacht zu einem willkommenen Anlass, dem renitenten Putin zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das Ergebnis heute: Im Donbass sterben weiterhin täglich Menschen, auch viele Zivilisten, ungeachtet des Waffenstillstands-Abkommens „Minsk 2“ für das sich die deutsche und französische Diplomatie mit großem Engagement eingesetzt hat. Die USA stationieren schweres Gerät für 5000 Soldaten in Polen, Rumänien, Bulgarien und im Baltikum, veranstalten große Manöver – derzeit in Polen – und denken darüber nach, die Ukraine nicht nur mit viel Geld, sondern auch mit schweren Waffen zu versorgen. Als Reaktion darauf kündigt Putin an, 40 mit Atomsprengköpfen bestückte Interkontinentalraketen auf neuestem technischen Stand stationieren zu wollen. Prompt legen die Amerikaner nach und denken laut über die Stationierung neuer atomar bestückter Marschflugkörper in Europa nach. Wohin soll dieses verdammte Säbelrasseln führen? – Stutzt den Falken die Flügel, ehe sie wieder die Oberhand gewinnen!

Die Reflexe des „Kalten Krieges“ sind erkennbar

Anstatt sich mit Putin zusammenzusetzen um die wirklich drängenden Probleme zu erörtern: 60 Millionen Flüchtlinge, ungezügelte Macht des Kapitals, Islamistischer Terrorismus, Cyberkriminalität – sperrt man ihn aus vom G7-Gipfel in Ellmau und verhängt weitere Sanktionen gegen Russland. Das sind die Themen, die uns wirklich bewegen und die uns noch schwer zu schaffen machen werden. Es sind globale Themen, die ohne Mitwirkung Russlands nicht zu lösen sind. Auf europäischer Seite trifft dieser Konflikt vor allem Deutschland. Wir haben den damaligen „Kalten Krieg“ am heftigsten zu spüren bekommen und wir werden auch jetzt wieder die Leidtragenden in erster Linie sein. Die Reflexe jenes „Kalten Krieges“ sind klar erkennbar, wobei das Bedrohungspotential (siehe oben) heutzutage ein ganz anderes ist, als das zwischen 1961 und 1989 der Fall war.

Am Rande der Apokalypse

An der Flüchtlingsproblematik wird offenkundig, was für ein zerstrittener, nur auf eigene Vorteile bedachter Haufen Europa ist. Zwischen Rom und Paris herrscht dicke Luft, weil Frankreich Flüchtlinge, die in Italien an Land gekommen sind, nicht aufnehmen will. Eine ganze Reihe europäischer Staaten, insbesondere Mittel-und Osteuropäer wehrt sich generell, Flüchtlinge aus Afrika aufzunehmen. Dänemark hat jetzt dementsprechend gewählt und die erstarkte rechtspopulistische Volkspartei strebt u.a. an, die zwischen den Schengen-Staaten abgeschafften allgemeinen Grenzkontrollen wieder einzuführen. Ungarns Orban geht noch einen Schritt weiter und will an der Grenze zu Serbien einen vier Meter hohen Zaun errichten lassen, um Flüchtlinge von seinem Land fern zu halten. Was ist das denn für ein Europa? Back to the Roots! Zurück zum Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts. Großartig. Mit dieser egoistischen Haltung werden wir die anstehenden globalen Probleme gewiss nicht lösen. Je mehr das vereinte Europa auseinanderbröckelt, desto ungebremster werden wir hineinschlittern in den 3. Weltkrieg, der bereits angefangen hat und nach dessen Ende es kein Europa, keine USA, kein Russland, keine Islamisten und keine Räuberbanken mehr geben wird. Nur noch eine menschenleere Mondlandschaft – wenn überhaupt.

Es ist ein apokalyptisches Szenario, das mir Angst macht und das ich mir noch vor wenigen Jahren nicht hätte ausmalen können. Aber die Welt hat sich nach 1989 nicht in die Richtung entwickelt, die zunächst absehbar war und die wir uns alle gewünscht haben. Heute sind wir in mehrfacher Hinsicht asymmetrischer Kriegsführung ausgeliefert und nur noch die Vernunft der Mächtigen kann uns vor dem Untergang bewahren.

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