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Ukraine und Thailand – fragwürdiges Demokratieverständnis

Von Peter Haisenko 

So weit die Ukraine und Thailand geographisch, klimatisch und ethnologisch von einander entfernt sind – beide Staaten haben mit vergleichbaren politischen Problemen zu kämpfen: Eine lautstarke Minderheit will ein demokratisches Wahlergebnis umstoßen. In beiden Ländern ist die Bevölkerung gespalten in mindestens zwei historisch gewachsene Gruppen, deren Ziele sich unversöhnlich gegenüberstehen. In Thailand sind das die Mehrheit der armen Landbevölkerung auf der einen und die Minderheit der reichen Stadtbewohner auf der anderen Seite. In der Ukraine sind es die „Moskali“ und die „freiheitlichen“, westorientierten Ukrainer.

Während in Thailand die Interessenlagen einigermaßen einfach sind, stellt sich die Situation in der Ukraine ungleich verworrener dar. In Thailand wollen die wohlhabenden Stadtbewohner weniger Abgaben zur Unterstützung der bedürftigen Landbevölkerung leisten. Es geht also in erster Linie um Geld. Die Ukraine ist historisch gespalten, und das gleich mehrfach. Während der Ostteil des Landes mehrheitlich – und das im doppelten Sinn – russophil ist, strebte der Westteil schon immer eher Richtung Westen – gepaart mit einem für uns kaum nachvollziehbaren ukrainischen Nationalstolz. Aber es wird noch komplizierter.

Der Westteil der Ukraine, insbesondere die Gegend um Lemberg, hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Nach der K&K-Zeit, Lemberg hieß damals noch Lemberg, stellten Ukrainer, Polen und Russen Ansprüche auf das Gebiet. Heute heißt die Stadt Lvov oder Lviv, je nachdem ob Polen oder Ukrainer sie benennen. Damit nicht genug. Es gibt deutschstämmige Minderheiten, ungarische, jüdische und rumänische, die sich allesamt nicht grün sind. Die Westukraine ist von Alters her ein Pulverfass mit sehr kurzer Lunte.

Nur die harte Hand der Sowjetherrschaft konnte 70 Jahre lang einigermaßen Ruhe herstellen. Allerdings zeigte sich schon im Zweiten Weltkrieg, wie fragil diese Ruhe ist. Während der deutschen Besatzung bekämpften sich im Westen die Partisanen der Polen, der UPA (freiheitlich ukrainische Nationalisten), der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), der Moskali sowie versprengte Einheiten der Roten Armee gegenseitig. Die Deutschen ließen sie dabei weitgehend außen vor, denn die Wehrmacht war für alle – abgesehen von den Rotarmisten – der Hoffnungsträger, dem Willkürregime Stalins zu entkommen. Beachten Sie dazu den Auszug am Ende aus dem Roman von Vadim Grom: „Der Weg vom Don zur Isar“. Vadim Grom beschreibt die Zustände im Jahr 1944 aus eigener Erfahrung – hochaktuell für das Verständnis um die derzeitigen Vorgänge in der Ukraine.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich die Ukraine von Russland abgespalten. Sie ist jetzt das flächengrößte Land Europas (wenn man Russland bis zum Ural nicht mitzählt) mit knapp 50 Millionen Einwohnern. Die Wirtschaft der Ukraine ist nach wie vor eng mit Russland verflochten, und Russland ist der größte Handelspartner. Die Industrieprodukte der Ukraine sind im Westen nahezu unverkäuflich. Beispielhaft seien die Kiewer Flugzeugwerke Antonov genannt. Die AN 124 ist in ihrer Transportkapazität unübertroffen, findet dennoch keinen Markt im Westen. Das größte Flugzeug der Welt, die AN 225, wurde ebenfalls in der Ukraine gebaut und vom Westen ignoriert. Mehrere vielversprechende Projekte wurden von Antonov eingestellt, weil ein Erfolg auf westlichen Märkten nicht zu erwarten war. Bis heute bleibt für Antonov nur der russische Markt.

Janukowitsch, der Halb-Pole

Mit anderen Produkten ist es ähnlich. Unter diesem Aspekt wird verständlich, warum der ukrainische Präsident Janukowitsch das von der EU angestrebte Handelsabkommen nicht unterzeichnet hat. Janukowitsch selbst ist kein „echter“ Ukrainer im Sinn der nationalistisch gesinnten Ukrainer. Der Sohn einer polnischen Mutter hat seine Jugend in Warschau verbracht. So sitzt Janukowitsch zwischen allen Stühlen. Weder die Russen, noch die Ukrainer oder die Polen trauen dem Halb-Polen. So gesehen erscheint es logisch, dass sich Janukowitsch zunächst dem Westen zugewandt hat. Dann allerdings hat er wohl erkannt, dass das Handelsabkommen mit der EU alles andere als vorteilhaft für die eigenständige Entwicklung der Ukraine sein wird, und hat einen Rückzieher gemacht. Wirklicher Druck von Seiten Putins war dafür nicht nötig, höchstens ein wenig Überzeugungsarbeit. Man vergleiche hier die streng geheimen Verhandlungen der EU über ein Freihandelsabkommen mit den USA.

Demokratisch gewählte Regierungen und Protestbewegungen

Nun ist eindeutig festzuhalten, dass Janukowitsch ein demokratisch gewählter Präsident ist. Die westlichen Wahlbeobachter hatten wenig an dieser Wahl zu beanstanden, die in einer leicht chaotischen Phase als Folge der „orangenen Revolution“ durchgeführt wurde. Mittlerweile steht außer Frage, dass die „orangene Revolution“ vom Westen organisiert und finanziert worden ist. Der US-Finanztycoon George Soros hatte auch hier sein Geld und seine Finger im Spiel. Die Ukrainer haben das erkannt und Janukowitsch gewählt. Demokratisch!

Die Unruhen in der Ukraine begannen, nachdem der Präsident das Handelsabkommen mit der EU abgesagt hatte. Nach den Erfahrungen mit der „orangenen Revolution“ ist es nicht abwegig, darüber nachzudenken, ob nicht auch dieser Aufstand aus dem Westen angezettelt und finanziert wird. Schließlich geht es um massive finanzielle Interessen. Mit dem Abkommen EU-Ukraine wäre die Ukraine ein weiteres Land im Osten Europas geworden, in dem Billiglohnproduktionen zu Gunsten der EU und der USA aufgebaut worden wären. Aber das ist nicht mein Hauptanliegen. Es geht um die Demokratie.

Sowohl in Thailand als auch in der Ukraine amtiert eine Regierung, die demokratisch gewählt wurde. Wie unser Ex-Kanzler Schröder einmal so nett gesagt hat, ist das Geile an der Demokratie, dass die gewählte Regierung bis zur nächsten Wahl (fast) alles machen kann, was sie will. So ist das nun mal in einer Demokratie. Nur das Parlament selbst darf eine Regierung stürzen und Neuwahlen anordnen. Bis dahin müssen sich die Bürger gedulden.

Wer ist die demokratische Mehrheit?

Die Forderung der in sich zerstrittenen Opposition nach Rücktritt der Regierung widerspricht allen Regeln der Demokratie. Selbst wenn Zehntausende auf die Straße gehen, ist das noch kein demokratisches Votum. Wiewohl – auch das sei an der Stelle klar gesagt – das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht zu friedlichen (!) Demonstrationen selbstverständliche Wesenszüge einer funktionierenden Demokratie sind. Wirklich Klarheit über den Mehrheitswillen einer Bevölkerung können indes nur freie, unabhängige und ordentlich durchgeführte Wahlen bringen. In Thailand ist die Sache eindeutig: Auch die nächste Wahl wird zu Gunsten einer Regierung ausfallen, die die Interessen der Landbevölkerung, also der Mehrheit vertritt. In der Ukraine erscheint das Ergebnis eines Wahlgangs aus heutiger Sicht eher offen, und zwar deswegen, weil sich die Ukrainer selbst noch gar nicht klar darüber sind, welchen Weg sie gehen wollen.

Der natürliche und einzig erfolgversprechende Platz für die Ukraine dürfte zwischen der EU und Russland sein. Neutral, als Handelsplatz für die Warenströme zwischen der EU und Russland. Jede Fixierung in eine Richtung kann nur negativ sein. Das hat Janukowytsch wohl richtig erkannt und entsprechend gehandelt. Umgekehrt hat der Westen erkannt, dass eine Ausrichtung der Ukraine nach Russland Putin Vorteile bringen wird. Genau das aber soll nicht sein, und deshalb ist der Westen bestrebt, die Ukraine von Russland zu isolieren. Dabei – ich wiederhole mich gerne – würde eine neutrale Stellung der Ukraine dem Westen mehr Vorteile bringen als eine fixe Anbindung an die EU.

Demokratie ist nicht bequem

Die aktuellen Zustände in Thailand und der Ukraine machen eines deutlich: Demokratie ist niemals für alle gleich bequem, und Demokratie heißt nicht, dass es jedem recht gemacht werden kann. Es ist aber die Pflicht eines jeden Demokraten, das Votum der Mehrheit zu respektieren. Völlig inakzeptabel wird es allerdings dann, wenn von außen Partei ergriffen wird und im schlimmsten Fall Protestaktionen mit Geld und Agitation unterstützt werden. Wie hätte die Reaktion Deutschlands ausfallen sollen, wenn die RAF offen vom Ostblock unterstützt worden wäre? Das hätte leicht als Kriegserklärung interpretiert werden können. Die offene Unterstützung der ukrainischen Protestbewegungen durch den Westen widerspricht eindeutig demokratischen Grundsätzen und respektiert nicht die Unverletzlichkeit der inneren Angelegenheiten anderer Nationen. Mahnungen zur Zurückhaltung auf beiden Seiten und diplomatische Bemühungen zur Herbeiführung einer politischen Lösung nehme ich hier ausdrücklich aus.

Über Thailand wird eher am Rand berichtet. Das liegt aber weniger daran, dass Thailand weiter weg ist. Vielmehr berühren die Vorgänge in Thailand kaum wirtschaftliche oder politische Interessen des Westens. Die Ukraine jedoch ist von doppeltem Interesse, wirtschaftlich und politisch. Ein weiteres Land soll dem Westen angegliedert und ökonomisch dienstbar gemacht werden. (Man erinnere sich an Polen, als es in die NATO gezogen wurde.)

Wirtschaftsinteressen versus Demokratie

Zurück zur Demokratie. Der Westen spielt diesbezüglich seit langem ein falsches Spiel. Demokratie wird als solche nur solange anerkannt, wie die jeweiligen Regierungen dem Westen zu Gefallen sind. Als in Palästina die „falsche“ Partei gewählt worden ist, hat die EU ihre Hilfen eingestellt. Syrien: Niemand kann wissen, wie die Mehrheit der Syrer wirklich denkt. Dennoch hat der Westen klar Position bezogen, gegen die gewählte Regierung Assad. Dabei ist es einerlei, wie „demokratisch“ die Wahlen in Syrien abgelaufen sind. Bereits 1952 hat der Westen – hier eindeutig Großbritannien und die USA – die demokratisch gewählte Regierung Mossadeq in Persien mit Geld und Agitation gestürzt. Es ging um wirtschaftliche Interessen, Öl. Wie viele Regierungen sind in Mittelamerika amerikanischen Interventionen zum Opfer gefallen, weil sie nicht amerikahörig waren? In Ecuador und Panama sind die Amerikaner nicht einmal davor zurückgeschreckt, demokratisch gewählte Präsidenten zu ermorden. Das Stichwort heißt „Economic Hitmen“. Chile und Allende seien nur am Rande erwähnt. Und wenn direkte Aktionen nicht zum Erfolg führen, wird die Finanzwaffe angewendet.

Was würde der Ukraine widerfahren, wenn sie sich vorbehaltlos an den Westen anhängt? Das Szenario ist ziemlich eindeutig (siehe die ehemalige Tschechoslowakei). In kürzester Zeit würde die ukrainische Wirtschaft in größte Schwierigkeiten geraten, das geben sogar westliche Experten zu. Unabdingbare Folge: Die Währung verliert drastisch an Wert. Jetzt kommt der Moment, wo das westliche Kapital zuschlägt. Alles, was in der Ukraine halbwegs brauchbar ist, wird für sehr wenig Geld aufgekauft. Zum Beispiel die Antonov-Flugzeugwerke. Die werden dann keine eigenen Flugzeuge mehr produzieren (dürfen), sondern zu billigen Zulieferern für Airbus oder Boeing degradiert. Zweiflern sei geraten, sich an die Vorgänge um Skoda und VW zu erinnern.

Lasst die Ukraine in Ruhe! Die haben auch ohne fremde Einmischung genügend Probleme mit ihrer eigenen Vielfalt, mit ihrer historischen und kulturellen Gespaltenheit. Lasst die Ukraine in Frieden ihren Weg finden. Dabei dürfen wirtschaftliche oder politische Interessen des Westens keine Rolle spielen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, der Ukraine ein demokratisches Modell nach unserem Vorbild aufzudrücken. An der Stelle bin ich – was nicht allzu oft vorkommt – geneigt, einen Rat, den Ex-Kanzler Schröder in seinem Buch „Klare Worte“ zum Thema Ukraine ausspricht, weiterzuempfehlen (entnommen dem exklusiven Vorabdruck in der Bild-Zeitung): „Europa darf die Ukraine nicht vor eine Entweder-oder-Situation stellen (…) Verhandeln wir mit Russland wie mit der Ukraine gleichzeitig über eine Assoziierung, stellt sich die Situation ganz anders dar (…) Der Schlüssel zur Lösung der Probleme liegt in der Kooperation mit Russland, nicht in der Konfrontation.“ Gutes Statement. Besser hätte ich es nicht sagen können.

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Wie waren die Zustände in der Ukraine im Jahr 1944? Dazu das Buch von Vadim Grom:

Der Weg vom Don zur Isar

Viele Menschen haben den Weg zur schönen Isar gefunden, um fortan hier zu leben. Das Buch „Der Weg vom Don zur Isar“ beschreibt einen außergewöhnlichen, ja einmaligen Weg. Er beginnt in der Sowjetunion, 1932. In schonungsloser Offenheit erzählt Vadim Grom aus eigener Erfahrung über das Leben in Russland, wie es wirklich war. Er berichtet vom einfachen Glück und heiteren Stunden in größter Armut ebenso wie von der allgegenwärtigen Angst vor der übermächtigen Staatsgewalt. Angst in Dimensionen, wie sie für uns Westeuropäer schier unvorstellbar ist. Er berichtet vom Leben in der Kolchose, und was er in den Vernichtungslagern Stalins erlebt hat. Er erzählt von Liebe und vom sinnlosen Morden. Er lässt uns die Zustände in den Gefängnissen der Sowjetunion erleben, in ihrer ganzen Menschen verachtenden Grausamkeit.

Mit seinem Roman führt uns Vadim Grom in eine Welt, die in der modernen Zeit fast in Vergessenheit geraten ist. Besonders sein Blickwinkel auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Russen eröffnet dem Leser neue Perspektiven und ist in dieser Form einmalig. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dem es mit viel Glück nicht nur gelungen ist Stalins Terror zu überleben, sondern während des Krieges seinen Weg zu finden, der ihn schließlich 1945 nach Deutschland geführt hat. Vadim Grom berichtet nicht aus der Sicht eines Dissidenten, sondern aus der eines einfachen Bürgers, der durch widrige Zufälle in den Fokus der Vernichtungsmaschinerie Stalins geraten ist. So vermittelt er uns ein tieferes Verständnis für die Geburtswehen der neuen Welt in Russland und des ehemaligen Ostblocks.

Vadim Grom: Der Weg vom Don zur Isar, AnderweltVerlag,

ISBN 978-3-940321-12-1/ 978-3-940321-15-2


Auszug aus Band 2, Seite 161 bis 164

Ein „V-Mann“ kam spät in der Nacht aus einem fünfzehn Kilometer entfernten Dorf. Die GFP (Geheime Feld Polizei) hatte einige „V-Leute“ ( Vertrauensleute ) an mehreren Orten. Sie hielten ihre Verbindung mit den Deutschen geheim, berichteten über alles Wissenswerte. Zum großen Teil waren es Menschen, die aus ehrlicher Überzeugung handelten, die Sowjets hassten und auf die Deutschen ihre Hoffnungen setzten. Sie lehnten eine Belohnung stolz ab, nahmen höchstens ein Päckchen Tabak als Freundschaftsgeschenk an. Einige andere nahmen gierig alles an, was man ihnen anbot. Gorew vermutete stark, dass die Letzteren früher MWD-Seksoten (Spitzel des sowjetischen Geheimdiensts) waren und, sobald die Sowjets wiederkommen, ihre Dienste wieder der MWD zur Verfügung stellen werden.

Dieser Mann brachte allerhand Mut auf, in der Nacht, allein, bei scharfem Frost fünfzehn Kilometer durch einsame Steppe zu Fuß zu wandern. Er schlich sich in Golowanewsk durch die Streifen hindurch, klopfte bei der GFP an, holte die Leute aus dem Schlaf. Er erzählte, dass ein Fremder wieder in seinem Dorf war, den er schon einige Male früher bemerkt hatte, und wieder in derselben Kate, die von zwei jungen Schwestern bewohnt war, über Nacht blieb. Wenn man sich beeilen würde, könnte man ihn noch erwischen, denn im Morgengrauen würde er bereits wieder fort sein, wie es früher jedes mal der Fall war. Drei Unteroffiziere und Demidow - der frühere Hauptmann, jetzt ein einfacher Hiwi – fuhren mit Gorew los. Es war auch allerhand, dass sie sich entschlossen, in der Nacht zu fahren! Aber sie fühlten sich wahrscheinlich durch das Beispiel des V-Mannes beschämt.

Gorew ließ das Auto von einer leichten Erhöhung mit abgestelltem Motor, ohne Licht leise ins Dorf hineinrollen. Der V-Mann bezeichnete die betreffende Kate, sprang ab und verschwand. Sie umstellten die Kate, ein Unteroffizier und Demidow klopften herrisch an und verlangten Einlass, die Waffen schussbereit. Kurz darauf rief der Unteroffizier alle anderen hinein. Eine Ölfunzel spendete schwaches Licht. Zwei Mädchen, nicht viel über Zwanzig, in hastig übergeworfenen Kleidern - man sah nur geringen Altersunterschied und große Ähnlichkeit - und ein etwa fünfundzwanzigjähriger Mann in Bauernzivil standen an einer Stubenwand. Demidow hielt sein Gewehr auf sie gerichtet. Die übrigen durchsuchten die Kate. Sie fanden nichts Verdächtiges und keine Waffen. Der Mann hatte auch bei sich nichts Nennenswertes. Demidow tastete die Mädchen ebenfalls gewissenhaft ab, fuhr mit den Fingern durch das Kopfhaar, scheute sich nicht, die verborgendsten Stellen unsanft abzufühlen. Dann ging er zum Verhör über.

Die Unteroffiziere und Gorew überließen ihm stillschweigend das Handeln, Gorew beschränkte sich auf die Rolle des Dolmetschers, übersetzte den Deutschen, wenn es etwas zu übersetzen gab. Demidow nahm den Mann vor. – „Wer bist du? Wo kommst du her?" Das ältere Mädchen sprang ein: - "Das ist mein Bräutigam aus dem nächsten Dorf und er kommt mich besuchen.“ Der Mann bestätigte diese Aussage, aber seine Aussprache verriet, dass er niemals ein Bauer aus dieser Gegend war. – „So kommen wir nicht weiter,“ – meinte Demidow leise, - „er wird in Anwesenheit der Mädchen einen Helden spielen und nichts verraten. Wir müssen sie trennen.“

Sie nahmen den Mann in die andere Stube, schlossen die Verbindungstüre. Ein Unteroffizier blieb als Bewachung bei den Mädchen. Demidow versetzte dem Mann mehrere schmerzhafte Hiebe, versuchte immer wieder, aus ihm etwas herauszuholen. Dieser blieb hartnäckig bei seiner ersten Behauptung, obwohl er die Hoffnungslosigkeit des Versuches einsehen musste. Inzwischen wurde es heller Tag. Demidow stieß den Mann in die andere Stube, holte die ältere herein, befahl ihr, sich in die Mitte des Zimmers zu stellen, betrachtete sie überlegend. – „Ziehe dich aus!“ - bellte er sie an. Verständnislos starrte sie ihn an. – „Na! Hop, hop! Herunter mit der Kleidung, sonst bringe ich dir die Eile bei!“ Zögernd zog sie das Kleid über den Kopf ab. – „Auch das Hemd! Alles herunter!“ Befremdet schaute Gorew zu. Wollte Demidow etwa das Mädchen vergewaltigen?... Sie sah nicht schlecht aus, hatte ein hübsches, regelmäßiges Gesicht, dunkle Augen funkelten trotzig, die ärmliche Kleidung versteckte nicht ihre vollendet schöne Figur... Nein, das wollte Gorew auf keinen Fall zulassen!

Auch die Deutschen werden es wahrscheinlich nicht dulden. Aber vielleicht wollte Demidow ihr nur Angst machen... Einstweilen ließen sie ihn gewähren. Splitternackt stand das Mädchen in der Mitte der Männer, versuchte hilflos, ihre Nacktheit vor ihnen mit den Händen zu verdecken. – „Weg mit den Händen! Lass sie herunterhängen! Strammstehen!“ Die Arme gehorchte, der trotzige Blick war verschwunden, gehetzt schaute sie sich um, senkte den Kopf, richtete ihre Augen, vor Scham errötend, auf den Boden. – „Blicke mich an!.. Wer ist der Bursche?“ – „Ein Kurier der OUN“ – schluchzte sie, knickte zusammen, krümmte sich auf dem Boden, versuchte, gleichzeitig jeden Teil ihres Körpers vor den Blicken zu schützen. – „Steh auf, ziehe dich an, wir werden uns abwenden“ – sagte Demidow begütigend. Als sie angezogen war, wandte er sich wieder zu ihr, sprach jetzt mit ruhiger Stimme: - „Was ist OUN?“ – „Organisation Ukrainischer Nationalisten. Sie wollen eine freie, unabhängige, selbstständige Ukraine. Sie kämpfen gegen die Russen, die unser Land unterdrücken, uns fremden Kommunismus aufzwingen. Aber deutsche Herrschaft wollen sie auch nicht. Wir Ukrainer wollen frei und selbstständig sein.“... Sie konnte nichts weiter angeben, keine Verbindungsleute nennen, keine Einzelheiten. Sie wusste nichts mehr. – „Gehe zu deiner Schwester.“

Als sie hinaus war erklärte Demidow: „Die Frauen sind nicht so empfindlich gegen Schmerz wie die Männer. Meistens bringt man durch körperliche Qual nichts aus ihnen heraus. Außerdem widerstrebt es einem, eine Frau zu schlagen. Wenn sie aber nackt vor den Männern steht, fühlt sie sich ganz entblößt, nicht nur körperlich, sondern ihre ganze Seele, ihre geheimsten Gedanken und Regungen. Sie kann einfach nichts mehr verbergen... Hat jemand schon was von dieser OUN gehört? Ich nicht.“ – „Doch,“ - sagte ein Unteroffizier auf Gorews Frage, - "wir wissen einiges davon... Aber ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen. Wir nehmen den Mann mit. Die Mädchen... lassen wir vielleicht laufen?“ – blickte er fragend den anderen Unteroffizier an. – „Sie können nichts dafür, wenn ein Mann sich bei ihnen eine Beherbergung erzwingt..." – „Mir ist es recht. Ich habe es schon lange satt, gegen Frauen vorzugehen.“

Bei dem Verhör im GFP-Gebäude kam nicht viel heraus. Der Verhaftete gab zu, dass er für die OUN gearbeitet hat, weigerte sich aber standhaft, irgendetwas zu verraten. – „Was wollt ihr von mir! Unsere Führer, vor allem Stephan Bandera, haben euch Deutschen eine Allianz angeboten, und ihr habt ihn eingesperrt, in eurer Überheblichkeit. Damit habt ihr selber euch zu unseren Feinden erklärt, obwohl wir eine Freundschaft mit euch suchten. Und trotzdem gehen wir zur Zeit nicht gegen euch vor, weil ihr gegen unseren gefährlicheren Feind, gegen die Russen, gegen die Kommunisten im Kampfe steht. Wir unterstützen euch sogar indirekt, indem wir die Roten vernichten, wo wir mit ihnen in Berührung kommen.“ Die Deutschen gaben bald die Versuche auf, aus ihm die Angaben über seine Verbindungen, Verbindungsleute, Treffpunkte herauszupressen. Die vernehmenden Unteroffiziere winkten den Hiwi-Brüdern, die ihn mit ihren Nagajkas böse zugerichtet hatten, von ihm abzulassen und ihn ins Gefängnis abzuliefern.

Gorew hatte niemals erlebt, dass die Deutschen bei der GFP die Verhafteten schlugen oder die Hiwis dazu ermunterten. Aber sie hielten die Hiwis auch nicht davon ab, wenn diese es taten, ließen sie stillschweigend gewähren, und mehr noch, ließen sie, wie es Gorew schien, zu diesem Zweck bei den Verhören anwesend sein, nur dem Schein nach bloß als Wächter. Er missbilligte zwar im stillen dieses Vorgehen, erhob selbst auch nie seine Hand gegen einen Wehrlosen, war aber im übrigen durch das viele Blutvergießen, das er miterlebte, durch die Grausamkeit des ganzen Geschehens abgestumpft, brachte es nicht zustande, sich darüber aufzuregen. Umso mehr, als er der GFP keine Unkorrektheiten sonst nachsagen konnte. Nur wurde er des Ganzen mehr und mehr müde, würde viel lieber an der Front stehen, als das hier Tag für Tag mit anzusehen.

Gorew ging ins Gefängnis, ließ die Polizisten-Wächter ihm den Gefangenen ins Vernehmungszimmer bei dem Gefängnis vorführen und blieb mit ihm allein. Er sprach ihn jetzt ukrainisch an - sonst verwendete er Russisch. - "Ich spreche mit Ihnen nicht in deutschem Auftrag, sie wissen nicht von diesem Gespräch. Ich will für mich privat einige Erläuterungen. Wie Sie aus meiner Sprache hören bin ich selbst ein Ukrainer - ein Nichtukrainer kann unsere Sprache niemals so akzentfrei sprechen. Helfen kann ich Ihnen nicht, das möchte ich von vorneherein klarstellen... es sei denn, Sie überzeugen mich von Ihrer Sache so, dass ich mir sage, sie wäre es wert, mit Ihnen zusammen von den Deutschen zu fliehen.

Sie wollen Ukraine frei von den Sowjets und frei von den Deutschen sehen. Das ist sehr schön, wäre auch mein sehnlicher Wunsch. Aber wie wollen Sie das erreichen?“

- "Unsere Führer haben den Deutschen am Anfang des Krieges ein Bündnis vorgeschlagen. Wir wollten ihnen gegen die Sowjets mit allen Kräften helfen, große ukrainische Armee aufstellen. Sie sollten sich dann mit Eroberung Russlands begnügen und der Ukraine Selbständigkeit zusichern. Wenn sie darauf eingegangen wären, wäre der Krieg schon längst zu ihren Gunsten beendet."

- "Das will ich nicht bezweifeln. Sie sind aber nicht darauf eingegangen. Was nun?“

- „Sie werden von den Russen aus der Ukraine vertrieben. Die Russen verbluten dabei. Inzwischen organisieren wir heimlich unsere Armee. Wenn es so weit ist, erheben wir die ganze Bevölkerung gegen die Russen und erklären Ukraine selbständig. Schließlich ist die Gesamtukraine größer als Deutschland, wesentlich größer als mancher andere europäische Staat! Die Russen haben bereits selbst den östlichen, unter russischer Herrschaft stehenden, und den westlichen Teil, der unter Polen war, vereinigt. Es bleibt nur noch, die restlichen Teile, die Karpatenukraine, anzuschließen. Wir werden nur den früheren historischen Zustand wiederherstellen, unsere frühere Unabhängigkeit zurückfordern. Die anderen Staaten müssen uns anerkennen, uns gegen die Russen unterstützen. Vor allem England.“

- "Schöner Traum. Nur hat es mit den anderen Staaten großen Haken in sich. Ist England nicht ganz feste Verpflichtungen Polen gegenüber eingegangen? Jetzt steht es im Bund mit den Sowjets, die ein gutes Stück Polens mit Waffengewalt annektierten..."

- „Was reden Sie von einem Stück Polens! Und Sie sind ein Ukrainer! Ein Stück Ukraine haben sie besetzt, das vorübergehend die Polen in ihrer Gewalt hatten...“

- "Gut, einverstanden. Aber wird England die Sowjets daran hindern, sich ganz Polen einzuverleiben? Nicht im geringsten! Wenn es jetzt gegen die Deutschen auftritt, so nur deshalb, weil es in seinen Kram passt, und nicht wegen Polens. Und ist euere künftige ukrainische Armee nicht nur ein Traum?... Übrigens, warum nennen Sie die Russen Feinde? Verwechseln Sie nicht die Russen und die Sowjets?"

- „Die Russen haben unsere Ukraine unterdrückt, diese Moskali haben uns auch die Sowjets aufgezwungen. Die Russen unterdrücken uns in einem Teil unseres Landes, die Polen in dem anderen. Wir müssen gegen beide kämpfen.“

- „Sie nehmen sich viel vor. Auch gegen die Deutschen wollen Sie vorgehen. Womit denn das alles?“

- "Haben Sie noch nicht von der UPA gehört?“

- „Nein. Was ist das wieder?“

- „Das ist unsere Armee. Ukrainische Erhebungsarmee. Zur Zeit noch geheim, getarnt. Aber sie existiert. Sie führt zur Zeit eine Partisanen-Existenz, wird von den Deutschen verfolgt, obwohl sie ihnen nichts antut, und hauptsächlich von den Russen und von den Polen. Im östlichen Teil der Ukraine gibt es in den Wäldern Schlachten zwischen uns und roten Partisanen, wenn wir aufeinander treffen, im westlichen Teil zwischen uns und polnischen Partisanen. Den Deutschen weichen wir aus. Die Deutschen haben ukrainische Galizien-Divisionen, die zur gegebenen Zeit zu uns, zur UPA gehören werden. Wir unterstützen sie, halten mit ihnen feste Verbindung. Die Deutschen wissen es und misstrauen ihnen. Ohne Grund, denn sie werden nicht gegen die Deutschen auftreten und sind einsatzbereit gegen die Russen, wenn die Deutschen sie einsetzen würden. In den Teilen der Ukraine, die durch die Russen von den Deutschen wieder zurückerobert werden, tritt unsere UPA sofort automatisch in Tätigkeit und fügt den Russen Schaden zu, von hinten. Wenn die Deutschen aus der ganzen Ukraine vertrieben sind, wird sich das ganze ukrainische Volk erheben und die abgeschwächten Russen verjagen..."

Ein Träumer, - dachte Gorew, - aber er hat eine Idee und ist bereit, für sie zu sterben. Ein schönes Ideal, leider nur ein Traum. Scheinbar gibt es wirklich mehr von der Sorte. Meine Hochachtung!..

Er führte ein langes Gespräch mit dem Unteroffizier, der die Sache in der Hand hatte. Zum Schluss sagte dieser – „Es widerspricht nicht unseren Anweisungen hinsichtlich der OUN-Leute, wenn wir ihn am Leben lassen. Ich werde die Angelegenheit dem Sekretär entsprechend vortragen.“ Der Mann wurde in ein Lager abtransportiert.

Vadim Grom: Der Weg vom Don zur Isar, AnderweltVerlag,

ISBN 978-3-940321-12-1/ 978-3-940321-15-2

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