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Kritik an der Nakba-Schau

Die SZ hat am 11.1.2014 Kritik an der Nakba-Schau geäußert, obwohl sie nicht einmal einen eigenen Berichterstatter vor Ort hatte. Das hat Jürgen Jung vom „Arbeitskreis Palästina-Israel e.V. - salam-shalom“ veranlasst, einen Leserbrief an die SZ zu senden. Dort wird der Leserbrief nicht veröffentlicht werden, deswegen können Sie ihn in Anderweltonline lesen.

Worum geht es eigentlich?

Hier eine kurze Beschreibung der Nakba-Schau:

Die Nakba-Ausstellung präsentiert die bei uns im Westen tendenziell verschwiegene Kehrseite der israelischen Staatsgründung, nämlich die Katastrophe (arabisch = Nakba) der Palästinenser, die - obwohl gänzlich unschuldig an europäischem Antisemitismus  und  Holocaust - dafür zu zahlen gezwungen wurden mit dem Verlust ihrer angestammten Heimat. Die Ausstellung stellt das palästinensisch-arabische Narrativ vor: die gewaltsame und systematische Vertreibung und Flucht der Palästinenser.  Nachdem wir im Westen - aus nachvollziehbaren Gründen besonders in Deutschland - bisher fast ausschließlich das zionistisch-israelische Narrativ wahrgenommen haben, stellt die Ausstellung die Sichtweise der Opfer dieser historischen Entwicklungen dar. Nun hat es sich erwiesen, daß deren Perspektive sehr genau den Erkenntnissen der sog. "neuen" oder "revisionistischen" Historiker Israels entspricht.

Die Israel-Lobby behauptet, daß diese Darstellung einseitig sei, daß die Palästinenser nach Aufforderungen ihrer Führer "freiwillig" geflohen seien, bzw. daß die Flucht ein Ergebnis der kriegerischen Auseinandersetzungen gewesen sei. Dabei wird stets unterschlagen, daß bevor die arabischen Staaten am Tag nach der israelischen Staatsgründung (15. 5. 1948) dem Land den Krieg erklärten, die zionistischen Milizen  bereits ca. 250 000 Palästinenser vertrieben, 200 Dörfer zerstört  und etliche arabische Stadtviertel entvölkert hatten. Der Einmarsch relativ kleiner arabischer Kontingente war vor allem ein letztlich fehlgeschlagener Versuch, der zionistischen Expansion Einhalt zu gebieten. Die arabischen Führer wußten sehr genau, daß sie nicht in der Lage sein würden, Israel zu zerstören und die Juden "ins Meer zu treiben", denn die zionistischen Streitkräfte waren - entgegen der landläufigen Meinung - von Anfang an deutlich überlegen. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe im Herbst 1948 standen 80 000 israelischen Kämpfern nur 50 000 arabische gegenüber.

Das Resultat war, daß Israel anstatt der ihm durch die UN-Resolution vom 29. 11. 1947 zugesprochenen 56 Prozent des britischen Mandatsgebiets 78 Prozent an sich gerissen, ca. 750 000 Palästinenser vertrieben, mehr als 500 Dörfer plattgemacht und die meisten arabischen Stadtviertel ethnisch weitgehend "gesäubert" hatte.

Die übrigens schul-interne Nakba-Ausstellung versucht nun, die zionistischen Mythen, die die Umstände und Ergebnisse der israelischen Staatsgründung geradezu vernebeln, als solche kenntlich zu machen und stößt dabei auf den erbitterten Widerstand unserer  "falschen Israelfreunde" (so nennt sie Henry Siegman, der ehemalige Vorsitzende des "American Jewish Congress"), die mit aller Macht - und sei es durch Meinungsunterdrückung und Zensur - die Ausstellung abzusetzen sich bemühen.

Dazu der Artikel der SZ vom 11.04.2014, S 49:

Neue Kritik an Nakba-Schau

Partnerverein der Organisatoren zeigt im Netz Kinder mit Gewehren

Neue Vorwürfe richten sich gegen die „Nakba“-Ausstellung in der Freimanner Montessori-Fachoberschule. Die umstrittene Schau, die der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“ konzipiert hat, behandelt die Flucht und Vertreibung der Palästinenser nach dem Zweiten Weltkrieg und legt dabei das Augenmerk ausschließlich auf die palästinensische Opferrolle. Der Montessori-Schulleitung und anderen Förderern des Vereins sei womöglich entgangen, dass die im Libanon tätige Partnerorganisation des Vereins „Flüchtlingskinder“ dort Heranwachsende „zum Krieg gegen Israel erzieht“, heißt es nun in einem gemeinsamen Protest mehrerer Organisationen.

Seit dem Bekanntwerden der Ausstellung in der Montessori-Fachoberschule hagelt es Kritik. Eine Allianz der Grünen Jugend München, der Linksjugend, der Deutsch-Israelischen Gesell-schaft, der Europäischen Janusz-Korczak-Akademie, des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern und des Vereins AmEchad, der sich gegen Antisemitismus und Antiisraelismus wen-det, forderte die Schulleitung am Freitag erneut auf, die Ausstellung zu beenden. „Die Schul-leitung setzt die Kinder nun schon seit Wochen israelfeindlicher Propaganda aus“, empört sich Michael Lang, Sprecher von AmEchad. „Das ist kein Beitrag zur Friedenserziehung.“

Die jetzt öffentlich gewordene Kritik richtet sich vornehmlich gegen die Partner-Organisation des Vereins „Flüchtlingskinder“, die im Libanon aktive National Institution of Social Care and Vocational Training (NISCVT). Auf deren Facebook-Seite sind vermummte Kinder in Tarnanzügen zu sehen, einmal stehen im Hintergrund auf einer Bühne auch Gewehre oder Gewehrattrappen. Ingrid Rumpf, Vorsitzende des Vereins „Flüchtlingskinder“, erklärt die Bilder mit Aktivitäten von Pfadfinder-Gruppen, die selbständig Programme anböten. „Man mag diese Verkleidung nicht gut finden, mir gefällt sie auch nicht besonders, nur ist es völlig daneben, daraus zu schließen, dass NISCVT seine Kinder militärisch trainieren oder mar-schieren lassen würde“, sagte sie auf SZ-Anfrage.

Den ebenfalls geäußerten Vorwurf von „Nakba“-Gegnern, die Montessori-Schule habe einen Diskussionsabend veranstaltet, ohne Kritiker auf das Podium zu setzen, will Schulleiter Carl Mirwald so nicht stehen lassen. Er verweist auf ein umfassendes Begleitprogramm. Am Don-nerstagabend habe man den Schülern – und ausnahmsweise auch Gästen von außen – die Chance geboten, dem beratenden Historiker Fragen zu stellen. Zahlreiche Ausstellungsgegner seien auch da gewesen – wenn auch nicht auf einem Podium. tek

Leserbrief zum Artikel: „Neue Kritik an Nakba-Schau“ in der SZ vom 11. 1. 2014, S. 49

Von Jürgen Jung

Bei der Kampagne gegen die Ausstellung zeigt sich auf Seiten der Kritiker eine befremdliche Geisteshaltung. Eine - übrigens schon zum hundertsten Mal gezeigte - Ausstellung wollen sie geschlossen sehen, da deren Aussage ihrer zionistisch-orientierten Ideologie widerspricht. Einseitig sei sie und fehlerhaft – und schon gilt sie in der Öffentlichkeit, so auch in der SZ, eilfertig als „umstritten“ und ist damit offensichtlich für jeden Anwurf freigegeben. Erklärungsbedürftig bleibt dabei allerdings, wie es sein kann, dass das Narrativ der palästinensischen Opfer der zionistischen Landnahme so genau übereinstimmt mit den Erkenntnissen der israelischen „neuen Historiker“. Selbst der „Hof“-Historiker Israels, Benny Morris, konzediert ohne weiteres, dass die Palästinenser ethnisch aus ihrem angestammten Land hinausgesäubert wurden: „Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen. Man muss sich die Hände dreckig machen.“ Allerdings bedauert er, dass nicht alle Palästinenser vertrieben wurden. Dann gäb es heute bedeutend weniger Probleme.

Seit dem letzten Weltkrieg haben wir hier in Deutschland durchweg das israelisch-zionistische Narrativ gehört. Ward dabei je der Vorwurf der Einseitigkeit gehört? In den letzten Jahren erst überzeugt das palästinensische Narrativ eine stetig wachsende Zahl von desillusionierten Zeitgenossen, weil es in sich stimmiger, plausibler ist. Schließlich: wer hat hier wen vertrieben, wessen Land besiedelt und besetzt?

Der schlichte Verweis auf diese Tatsachen wird dann üblicherweise denunziert als „israelfeindliche Propaganda“. Wer weiß, vielleicht wird auch bei uns bald – wie in Israel seit 2010 - das öffentliche Gedenken der Nakba, der palästinensischen Katastrophe, unter Strafe gestellt?! Soviel zur „Wertegemeinschaft“, die wir angeblich mit dem „jüdischen“ Staat teilen.

Wieder einmal wird der Bote für die unerwünschte Botschaft geprügelt. Hier wird dem Organisator der Ausstellung dann unterstellt, er arbeite mit einem libanesischen Verein zusammen, der „zum Krieg gegen Israel erzieht“. Und dies ausgerechnet von den „falschen Israelfreunden“ (H. Siegman), die geflissentlich außer Acht lassen, dass Israel das vermutlich durchmilitarisierteste Land der Welt ist, in dem „Rassismus und Militarismus alles beherrschen“ – so die Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, Nurit Peled-Elhanan, Trägerin des Sacharow-Preises für geistige Freiheit des Europäischen Parlaments - , ein Land, in dem die Politik dominiert wird von allein auf Gewalt setzenden, zumeist aus dem Militär stammenden Politikern.

Und der 1994 verstorbene Naturwissenschaftler und Religionsphilosoph Yeshayahu Leibowitz - der israelische Staatspräsident Ezer Weizman nannte ihn „eine der größten Gestalten im Leben des jüdischen Volkes und des Staates Israel in den letzten Generationen“:

„Israel ist nicht ein Staat, der eine Armee hat – es ist eine Armee, die einen Staat hat.“ „Sie ist heilig und erfährt eine Bewunderung, die herausragend ist in der Welt.“ (N. Peled-Elhanan)

Ganz abgesehen davon, dass es Israel war, das erst einige Jahre zuvor – irgendein Vorwand findet sich immer - den Süden des Libanon verwüstete (mit ca. 1500 Toten auf libanesischer Seite, v. a. Zivilisten) und immer noch ein kleines Stück des Landes besetzt hält.

In dieser Situation, in der der Krieg, in dem sich der Libanon im Grunde immer noch befindet, stets auflodern kann, spielt natürlich auch im Kinder-Spiel, in Gesang und Tanz gerade der vertriebenen Palästinenser das Militärische eine ganz andere Rolle als im selbstgefälligen Deutschland, das sich heuchlerisch empört über die Gewaltorientierung derjenigen, die sich konfrontiert sehen mit der u. a. von uns hochgerüsteten viertgrößten Militärmacht der Welt.

Und zum Vorwurf, die Schule habe „einen Diskussionsabend veranstaltet, ohne Kritiker auf das Podium zu setzen“, lässt sich ironisch anmerken, dass wir bei jeder israel-freundlichen Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde etwa oder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Zukunft also auch einen Kritiker der israelischen Politik auf dem Podium erwarten dürfen!?!

Äußerst bedenklich ist allerdings, dass der Artikel in der SZ, die - wie man hört - nicht einmal einen eigenen Berichterstatter zur Veranstaltung geschickt hat, welch letztere vor allem den Schülern die Gelegenheit zu Nachfragen an die wissenschaftlichen Begleiter der Ausstellung geben sollte, sich in erster Linie auf die Argumente der Kritiker stützt und so nebenbei auch einen ganz falschen Eindruck von dem Abend vermittelt, an dem die Verteidiger der Ausstellung – gemessen am Applaus und offensichtlich auch nach den Äußerungen der Schüler – deutlich größere Resonanz fanden.

Glücklicherweise gilt für ein wachsendes Publikum: „Man kann alle Leute eine Zeit lang und einige Leute zeitweilig, aber nicht alle Leute die ganze Zeit täuschen.“ (A. Lincoln)

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Welche Ziele hat der „Arbeitskreis Palästina-Israel e.V. - salam-shalom“? Informationen darüber finden Sie hier: www.salamshalom-ev.de/

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