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Weihnachtsengel sind auch nur Menschen

Von Hubert von Brunn 

Der Anblick von gepackten Umzugskartons kann verdammt deprimierend sein. Angewidert wandte sich B. ab und verließ den Raum, der früher einmal sein Wohnzimmer war, und jetzt von übereinander gestapelten Pappmonstern verunstaltet wurde. In der kleinen Küche war es doch deutlich wärmer. Die Heizung hatte die Hausverwaltung schon vor zwei Monaten abgedreht. Das war nicht weiter dramatisch, da dieser Herbst ein ausgesprochen milder war und mit seinen Sonnentagen einiges wettzumachen versuchte, was der kalte, verregnete Sommer nicht zu bieten vermochte. Jetzt aber, vier Tage vor Weihnachten, war jegliche Restwärme aus dieser Wohnung gewichen. Der Temperatursturz war über Nacht gekommen, bösartig und gnadenlos, von 12 Grad plus auf 8 Grad minus.

Seit knapp einer Woche hauste B. nun schon in diesem Kühlhaus, packte zahllose Umzugskartons, um sich ein wenig warm zu halten und studierte Tag für Tag die von frostig schönen Eisblumen kunstvoll auf die Fensterscheiben gezeichneten Muster.

Genau genommen hätte er sich die Packerei sparen können. Macht dieser Aufwand doch nur Sinn, wenn er auf eine räumliche Veränderung, idealer Weise auf eine größere, schönere Wohnung in einer besseren Nachbarschaft hinzielt. Das war bei B. ganz und gar nicht der Fall. Die von der Hausverwaltung initiierte Räumungsklage ist vom Gericht bestätigt, am 31. Dezember, spätestens am 2. Januar wird der Gerichtsvollzieher auf der Matte stehen, und eine neue Bleibe gibt es nicht. Wie auch? B. war pleite, und jegliche Nachfrage nach seiner Bonität würde ihm nicht einmal das Recht auf eine Hundehütte zubilligen.

Das war nicht immer so. Es gab Zeiten – nein, nein, Jahre, viele Jahre, da führte B. ein wenn auch nicht übermäßig prächtiges, so doch recht auskömmliches und finanziell gesichertes Leben. Dieses Leben hat er genossen, mitgenommen, was möglich war und alle, die sich gerade in seinem Umfeld tummelten, daran teilhaben lassen. Keiner von denen, der das damals nicht großartig fand. Keiner von denen, der heute da wäre, um ihm aus der finsteren Grube zu helfen, in die er gestürzt war. Aber so ist das. So lange du als Fettauge auf der Suppe schwimmst, bist du begehrt, und alle suchen deine Nähe. Ist das Fett weg, sind auch die „Freunde“ weg. Die Magersuppe darfst du alleine auslöffeln.

 

Natürlich hatte B. in jungen Jahren eine ganz andere Vorstellung davon, wie das letzte Drittel seines irdischen Daseins einmal aussehen sollte. Spätestens mit Mitte 50 wollte er es geschafft haben und zufrieden auf ein ereignisreiches Leben zurückblickend die Früchte seiner Arbeit genießen. In seiner damaligen Vorstellung sah er einen weisen, im Geist und im Herzen jung gebliebenen älteren Mann, der etwas zu sagen hat, und dessen Rat gefragt ist. An seiner Seite eine liebende Frau, die sich um ihn sorgt, ihn verwöhnt und jeden Morgen zusammen mit ihm den Blick von der Terrasse hinunter auf die Bucht genießt, wo sich die heranrollenden Wellen an spitzen Felsen brechen. Die Tantiemen seiner Bücher würden ihm ein sorgenfreies Auskommen sichern, und spätestens im Abstand von zwei Jahren, würden neue Bücher dazu kommen. Ja, dieses Bild hatte er vor fünfzehn, zwanzig Jahren vor seinem inneren Auge. Wie sehr sich so ein inneres Auge doch täuschen kann.

Die Realität, mit der sich B. kurz vor der 6 vor dem Geburtstag abzufinden hatte, war eine ganz andere: Nicht mehr gebraucht, nicht mehr auf dem neuesten Stand, zu anspruchsvoll, zu alt…! Nicht die geringste Chance, irgendwo in dieser verlogenen, vom Jugendwahn besessenen Businesswelt wieder Fuß zu fassen. Wenn du mit 50 + draußen bist, bist du draußen, und zwar für immer. Das Ersparte aufgebraucht, Schulden an allen Ecken, keine Kredite mehr. Das geht verdammt schnell!

Die zwei Dutzend Kerzen, die B. in der Küche aufgestellt hatte, verbreiteten eine geradezu romantische Stimmung und sorgten außerdem noch für zusätzliche Wärme. Der Strom war seit Anfang des Monats abgeschaltet – grundsätzlich auch nicht weiter schlimm. Blöde nur, dass B. die Tragweite dieses Energieentzugs erst aufgefallen ist, als sich in der Küche ein übler Geruch breit machte. Den Kühlschrank hatte er geleert, den Gefrierschrank übersehen. Kaum zu glauben, was für ein widerlicher Gestank von verdorbenen Lebensmitteln ausgehen kann. Aber auch dieses Problem war inzwischen keines mehr. Der stinkende Müll aus dem Gefrierschrank war entsorgt, und Räucherstäbchen mit Sandelholzaroma verbreiten einen angenehmen Duft in der Küche.

Feierlich holte B. die Flasche mit dem 24 Jahre alten Pure Malt Whisky aus der Blechhülle, befreite den Korken und goss sich ein gutes Glas ein. In Wirklichkeit war das kostbare Getränk, das ein guter Freund ihm zum 50. Geburtstag geschenkt hatte, inzwischen schon 33 Jahre alt. An dieser Flasche hatte er sich nie vergriffen. Sie sollte einmal zu einem ganz besonderen Anlass geöffnet werden. Jetzt war es wohl so weit.

Beinahe wollte in der kerzenilluminierten Küche so etwas wie Behaglichkeit aufkommen. Wenn da nicht dieser immer und immer wiederkehrende, quälende Gedanke wäre. Der Gedanke an die Ausweglosigkeit seiner Situation, der Gedanke an das Versagen, der Gedanke, nicht noch weiter abrutschen zu wollen, der Gedanke, dem bösen Spiel ein Ende bereiten zu müssen – aus freien Stücken, ohne Neid, aber enttäuscht und angewidert von den Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Aus seiner Hosentasche zog B. einen Bündel Banknoten hervor. 480 Euro, mehr hat der Geldautomat nicht mehr hergegeben, sein Dispo war ausgereizt. 400 sollten reichen, sinnierte B., dann werde ich mir für 80 Euro noch ein nettes last supper und eine schöne Zigarre gönnen. Der Gedanke an ein richtig gutes Essen in einem gepflegten Ambiente, beflügelte ihn. Früher war das keine Seltenheit, es gehörte zu seinem Lebensstil wie das Cabriolet vor der Tür und die Designerklamotten im Schrank. Das war längst vorbei, und in den letzten Wochen hatte es nur Billigkonserven und Zweite-Wahl-Lebensmittel gegeben. Wer richtig Hunger hat, kann sogar Junkfood irgendwie Geschmack abgewinnen. Ein schmerzhaft knurrender Magen fragt nicht wirklich nach Genuss – er will nur satt werden. Einmal noch wollte er seinen Gaumen verwöhnen, wollte jeden Bissen und jeden Schluck genießen, sich nach dem Mahl zurücklehnen und zufrieden ein heimliches Bäuerchen in die gestärkte Stoffserviette machen.

Er sah auf seine vergoldete Armbanduhr. Kurz nach 18 Uhr. Noch früh am Tag, obwohl es draußen schon stockfinstere Nacht war. Na ja, Dezember eben. Wenn erst einmal wieder der Flieder und die Kastanien blühen, das strahlende Gelb der Rapsfelder das Auge blendet, wenn warme Maiensonne die Haut streichelt… B. machte eine unwirsche Handbewegung als wolle er den die schönen Bilder vor seinem inneren Auge wegwischen. Dem inneren Auge war nicht zu trauen, wie er schmerzhaft erfahren musste, und duftende Blüten und warme Sonnenstrahlen gab es schon immer und wird es immer wieder geben. Nette Erinnerungen, flüchtig, vergänglich, ohne Bedeutung.

Die Armbanduhr an seinem Handgelenk war ein nützliches Ding. Als Zeitmesser würde er sie nicht mehr brauchen, aber womöglich konnte er sie als Zugabe einsetzen, falls sein Bargeld nicht reichen sollte. Das gute Stück hatte ihm eine seiner Verflossenen vor vielen Jahren zu Weihnachten geschenkt und hat damals sicherlich um die 1000 Mark gekostet. Na also, das war doch was.

B. ließ noch einen Schluck von dem destillierten Malzgetränk auf seiner Zunge vergehen. Dann band er sich den grauen Wollschal um und streifte die schwarze Lederjacke über. Schwarze Jeans, schwarzen Rolli, schwarze Schuhe – so konnte er sich überall sehen lassen ohne aufzufallen. Schwarz geht immer, und für den Weg, den er jetzt vor sich hatte, konnte es keine angemessenere Farbe geben. Die 80 Euro für das Abendessen hat er in seiner linken Socke unter der Fußsohle verstaut. Um dort ranzukommen, musste man den Schuh ausziehen, dort war das Geld sicher. 400 Euro behielt er in der Hosentasche. Die musste er griffbereit haben, wenn es so weit war.

Nachdem er alle Kerzen in der Küche gelöscht hatte, tastete er sich durch den Flur zur Wohnungstür und schlüpfte hinaus ins ebenfalls dunkle Treppenhaus. Dort hätte es Licht gegeben, aber B. brauchte es nicht, er konnte im Dunkeln gut sehen und war froh, dass ihm die Begegnung mit einem der Nachbarn erspart blieb. Er wollte nicht angesprochen werden und er wollte nichts sagen. Es gab nichts mehr zu sagen.

Zur S-Bahn-Station waren es keine zehn Minuten Fußweg. Aus den mit bunten Lichterketten, blinkenden Sternen und hampelnden Nikoläusen geschmückten Geschäften kamen unentwegt Leute mit großen Tüten in den Händen, an der Bushaltestelle warteten fröstelnde Passagiere ungeduldige auf den Bus, der offensichtlich im Stau hängen geblieben war. Ein Schieben und Drängen auf den Trottoirs als gäbe es kein Morgen, in der Luft das Aroma von Diesel und Glühwein. Die Weihnachtshysterie hat sie wieder alle im Griff, stellte B. belustigt fest. Kaufen wie die Wilden irgendwelchen Schrott, den niemand braucht, oder sündhaft teures Zeug in der Hoffnung, sich damit an Heiligabend einen Sympathievorsprung in der Familie verschaffen zu können. Ein Glück, dass er mit alledem nichts mehr zu tun hatte.

Als B. Die Treppen zu den Bahnsteigen erklommen hatte, fuhr der Zug ein. Gutes Timing, stellte er fest. Zum Fahrkartenerwerb blieb jedoch keine Zeit, zumal er auch keine Münzen in der Tasche hatte. Den Fahrpreis hat er bisher immer bezahlt, Schwarzfahren war in seinen Augen mieses Schmarotzertum auf Kosten der Allgemeinheit. Jetzt als er auf einer freien Bank im S-Bahnwaggon Platz nahm, empfand er kindliche Freude über seinen Streich. Wenigstens einmal im Leben ohne Ticket durch die Stadt fahren. Um ihn herum müde Gesichter, dauertelefonierende Bräute, lärmende Halbstarke und dann am dritten Halt auch noch eine Truppe Zigeunermusiker, die mit Fideln, Akkordeon und Tamburin die Gehörnerven der Fahrgäste attackierten. Grauenvoll!

B. drehte sich zum Fenster hin und zog die Lederjacke über den Kopf, so als würde er schlafen. Wie schön war es doch, als er alleine in seinem Auto sitzen, klassische Musik hören und ohne unmittelbare Belästigungen durch die Stadt fahren konnte. Über bescheuerte Autofahrer musste man sich natürlich auch ärgern, aber die waren wenigstens auf Distanz. Egal, raus hier! Umsteigen in die U-Bahn.

B. war jetzt in der City und für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, eines der gepflegten Restaurants, die er aus seinem früheren Leben noch kannte, aufzusuchen und sich mit Speis und Trank nach allen Regeln der Kunst, so weit es seine 80 Euro zuließen, verwöhnen zu lassen. Schnell verwarf er diesen Plan. Er spürte die zunehmende Anspannung und wusste, dass er jetzt nicht genussvoll würde speisen können. Das sollte seine Belohnung sein, wenn die Pflicht getan und alles nach seiner Zufriedenheit erledigt war. 

 

In der U-Bahn bot sich das gleiche trostlose Bild, nur dass die Luft hier noch schlechter war. Egal, noch zwei Stationen, dann war es geschafft. Den Platz, auf dem B. jetzt stand, hat er in all den Jahren unzählige Mal mit dem Auto umrundet, aber noch nie betreten, und es kam ihm vor, als sei er in einer ganz anderen Stadt. Im Grunde war es ja auch so: alles schmutzig und schmuddelig, überall Graffiti, Frauen mit Kopftüchern, Heerscharen schreiender Kinder… Die Leuchtreklamen über den Geschäften und Kneipen waren überwiegend in türkischer Sprache, manche zierten auch arabische Schriftzeichen. Das war wirklich eine andere Welt als die, in der er zu leben gewohnt war und sich wohl fühlte. Aber für seine Zwecke war das ganz bestimmt der richtige Ort. Hier würde er finden, was er suchte. Wenn nicht hier, wo dann?

Um sich einen Überblick zu verschaffen, umrundete B. den Platz, ging hier in den Döner-Laden, steckte dort seinen Kopf in eine Teestube, trank ein kleines Bier in einer Eckkneipe. Er befragte mehrere Passanten, wo man in dieser Gegend so hingehen könne, um nette Leute zu treffen und erhielt drei Mal eine Empfehlung für das Café Oriental. Ein wenig versteckt in einer Seitenstraße zum Platz gelegen und ohne Leuchtreklame über der Tür war das Etablissement für einen Ortsunkundigen nur schwer zu finden. Nachdem B. schon einmal vorbeigelaufen war und dann noch einmal bei einem Passanten nachgefragt hatte, stand er endlich vor der rustikal gezimmerten Eingangstür. Durch die beschlagenen Scheiben drang diffuses, warmes Licht nach draußen.

Kaum hatte B. den Raum betreten, war seine Brille beschlagen. Das süßliche Aroma von Wasserpfeife hing in der Luft. Nachdem er die Gläser mit seinem Taschentuch blank gewischt hatte, blickte er in einen niedrigen Raum, von dem eine eigenwillige Behaglichkeit ausging. Niedrige Hocker und Sitzkissen vor kleinen Tischen, warme Farben, rotbraun, ocker, braun, orange… abgedimmte Lämpchen an der Wand, Kerzen auf den Tischen.

An der Theke in der Mitte des Raumes waren noch zwei Barhocker frei. B. nahm auf einem Platz und bestellte ein Bier. Von hier aus hatte er einen guten Überblick und konnte – so weit es die schummrige Beleuchtung zuließ – die Gesichter studieren. Es waren überwiegend junge Männer, die in den Kissen kauerten und versunken an ihrer Schischa sogen, oder sich in Gruppen wortreich diskutierend um ein Tischchen versammelt hatten und Tee oder Bier tranken. Frauen waren keine zu sehen, gesprochen wurde Türkisch, und B. war sich sicher, der einzige Deutsche zu sein, der sich ins Café Oriental verirrt hatte. Das schien aber keinen zu stören. Nach ersten prüfenden Blicken, wandten sich die Gäste wieder ab und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Nur der freundlich dreinblickende, bärtige Mann hinter dem Tresen war neugierig und hatte offensichtlich auch ein wenig Lust auf Unterhaltung.

„Ich habe dich hier noch nicht gesehen. Neu im Kiez?“ fragte er in fast akzentfreiem Deutsch als er B. das perfekt eingeschenkte Bier hinstellte.

„Ja, kann man so sagen“, antwortete B. so jovial wie möglich.

„Und? Gefällt Dir?“

„Hmmmm“, sagte B. kopfnickend, während er den ersten Schluck nahm. „Doch, gefällt mir“, fügte er hinzu, „sehr gemütlich“ und wischte sich den Schaum vom Mund.

Dieses Lob wiederum gefiel dem Barmann mit Namen Mustafa, der sich dann auch als Chef des Hauses zu erkennen gab. Und so entwickelte sich ein munteres Gespräch über dies und das, Frauen, Autos, Fußball und was sonst noch Männerherzen erfreut.

B. verstand es, sich spontan auf unterschiedliche Menschen einzustellen und deren Sprache zu sprechen. Damit gewann er ihr Vertrauen und machte sich selbst bis zu einem gewissen Maße unkenntlich. Dieses Talent war ihm in seiner aktiven Journalistenzeit sehr oft sehr hilfreich, und auch heute sollte es ihm zupass kommen.

Eineinhalb Stunden saß er nun schon an der Bar, schwatzte mit dem Wirt und musste nun aufpassen, dass er nicht zu viel trank. Zwei Raki hatte Mustafa schon ausgegeben, da durfte er nicht nein sagen. Dafür ist er nach dem dritten Bier auf Mineralwasser umgestiegen. Schließlich hatte er heute noch einiges vor und musste einen klaren Kopf bewahren. Der Laden war inzwischen noch voller geworden, und die Lautstärke beträchtlich. B. sah es jetzt an der Zeit, aktiv zu werden. Er war ja nicht zu seinem Vergnügen hier.

Er winkte Mustafa zu sich und raunte ihm konspirativ zu:

„Ich müsste da mal eine ernste Sache mit dir besprechen. Kannst du dir ein wenig Zeit nehmen und in Ruhe mit mir darüber reden?“

„Na klar. Warte.“

Er ging zu einem Tisch, legte einem jungen Mann den Arm um die Schulter und sprach kurz mit ihm. Daraufhin stand dieser auf, ging hinter den Tresen und übernahm Mustafas Arbeit. Er kam nach vorne und stellte sich neben B. an die Bar.

„So, da bin ich. Das ist mein Sohn Murad“, sagte er mit der ausgestreckten Rechten auf den jungen Mann hinter der Bar deutend. „Guter Junge. Immer da, wenn ich brauche. – Was hast du?“

B. spürte seinen Pulsschlag am Hals. Er hatte alles hundert Mal durchdacht und durchgespielt. Er war sich seiner Sache absolut sicher. Und doch. Jetzt, wo es so weit war, wollte ihn beinahe der Mut verlassen.

„Was ist los mit dir? Bist du traurig? Hast du Ärger mit Frau? Ach, lass mal. Wird schon wieder. Komm, wir trinken noch eine Raki.“!

Oh nein, bloß nicht, dachte B. Ich darf nicht betrunken werden. Ich muss den Überblick bewahren. „Nein, Mustafa, das ist es nicht. – Ich will nicht lange herumreden. Kennst du jemand, der mir eine Pistole besorgen kann?“

„Pistole?!“ Mustafa schien echt erstaunt. „Wozu brauchst du Pistole?“

„Nur so, zu meinem Schutz. Und um mich zu verteidigen, wenn es sein muss…“

„Gegen wen musst du verteidigen?“

Jetzt erzählte B. weitschweifig und voller Dramatik die Geschichte, die er sich ausgedacht hatte. Dass zwei glatzköpfige Kerle in der Nachbarschaft, wahrscheinlich Neonazis, schon mehrfach seine Frau angemacht und ihn bedroht hätten, er aber, schmächtig wie er gebaut war, diesen Schränken nicht Paroli bieten könne und deshalb eine Waffe brauchte, um sich im Zweifelsfalle die braue Brut vom Leibe zu halten.

„Aaah, Glatzen, verstehe“, nickte Mustafa und trank seinen – Allah weiß wievielten – Raki aus. „Scheißkerle, musst du aufpassen. Sind wirklich gefährlich. Armes Deutschland.“

B. fürchtete schon, dass jetzt die Diskussion losgehen würde um die zunehmende Infiltrierung der deutschen Gesellschaft durch Neonazis, um die Angst der Migrationshintergründler und deren Standfestigkeit im Namen Allahs… Die Diskussion blieb aus. Mustafa machte eine Handbewegung, die bedeutete: Warte, mach dir keine Sorgen, alles wird gut und ging zu einem Tisch in der hintersten Ecke des Raumes. Er kam zurück mit einem Mann an seiner Seite, dessen Alter B. auf Anfang 50 schätzte.

„Das ist Ali, mein älterer Bruder. Ich habe gesagt, was dein Problem ist. Er wird dir helfen.“

B. und Ali schüttelten sich die Hände.

„Was für Pistole willst du?“, fragte Ali ohne Umschweife. „Klein für Tasche oder größer für Nachttisch? Welche Kaliber? Kannst du überhaupt schießen?“

„Ich weiß nicht“, stammelte B.

Er fühlte sich ausgesprochen unbehaglich, am falschen Ort, schäbig. Jetzt war es zu spät. Er hatte die Suppe angerührt, jetzt musste er sich auch auslöffeln.

„Komm mit“, sagte Ali ohne auf eine Antwort zu warten und schob B. an der Schulter in Richtung Ausgang.

Der leichte Schneefall, der eingesetzt hatte, als B. aus der U-Bahn gestiegen war, hatte sich verstärkt. Eine unschuldig weiße Decke aus pulvrigem Schnee hatte sich über die Stadt gelegt. Alles wirkte jetzt still und friedlich, selbst diese Ecke, die ihm zuvor aufdringlich laut und schrill vorgekommen war.

„Siehst du, Weihnachten wird weiß. Das wollt ihr Christen doch immer haben“, sagte Ali und lachte, ehe er B. drei Häuser weiter durch eine Toreinfahrt in einen Hinterhof schob. Sie betraten das Hinterhaus durch einen schmalen Eingang und gingen die verschmutzte Treppe hoch bis in die 3. Etage. Ali schloss die Tür auf, und B. fand sich in einer sehr geräumigen Wohnung wieder, in der aber ganz offensichtlich niemand lebte. Es war eher ein riesiger Gemischtwarenladen, in dem sich unzählige Kartons stapelten. Hier gab es so ziemlich alles: Flachbildschirme, Mobiltelefone, Laptops, Kameras, Kaviar…

B. nahm das alles irgendwie zur Kenntnis, ohne dass es für ihn von wirklichem Interesse gewesen wäre. In der Küche, die auch tatsächlich so eingerichtet war, holte Ali eine Flasche Raki aus dem Kühlschrank und goss zwei Gläser ein.

„Geschäft muss immer begossen werden“, sagte er und schüttete sich den Schnaps in den Rachen.

„Warte! Bin gleich wieder da.“

Wenig später kam er zurück und legte vor B. eine sehr gut aussehende Pistole auf den Tisch. Schwarz, sorgsam poliert, vertrauensvoll, bedrohlich.

„Ist es das, was du brauchst? – Sehr gute Ware, ganz neu, super genau und leicht zu bedienen.“ Ali ging zum Küchenfenster, öffnete es und bedeutete B., zu ihm zu kommen.

„Siehst du Laterne dort?“ Ali hob die Waffe, zielte, ein Knall – und die Laterne war aus. B. war zu Tode erschrocken. Noch nie in seinem Leben war er so nah dran, wenn eine Waffe abgefeuert wurde.

„Na, was sagst du?“ feixte Ali, sichtlich zufrieden über seinen guten Schuss. „Willst du probieren? Dort, andere Laterne“, und hielt B. die Pistole hin. Entsetzt wich er zurück.

„Nein, nein, um Gotte Willen. Ich habe ja gesehen, dass sie funktioniert. Schönes Stück. Aber ich will jetzt nicht schießen. Nicht jetzt!“

„Na gut“, murmelte Ali und schloss das Fenster. „Hast du Geld dabei?“

„Ja habe ich“, beeilte sich B., seinen Geschäftspartner zu besänftigen. „Hier, 400 Euro in bar“, und zog das Bündel Banknoten aus der Hosentasche.

„400 Euro? Das reicht nicht. Nicht für dieses gute Stück“, sagte Ali mürrisch und steckte die Waffe in seine Manteltasche.

„Es muss ja auch nicht so ein tolles Teil sein“, versuchte B. hastig, die Laune des Mannes wieder zu erhellen. „Ein einfacheres Modell tut es auch.“

„Ich habe nur gute Ware. Diese oder keine“, gab Ali zurück, setzte sich wieder an den Küchentisch und goss sich noch einen Raki ein.

„Und wenn ich dir noch meine Uhr dazu gebe?“ fragte B. flehend. „Die hat einmal 1000 Mark gekostet und geht fantastisch.“

Alis sah sich die Uhr, die B. vom Handgelenk genommen hatte, eine Weile prüfend an und nickte dann zustimmen.

„In Ordnung. 400 Euro und die Uhr. Die Pistole gehört dir.“

B. war sich nicht schlüssig, ob er sich über diesen Deal freuen sollte. Die Uhr alleine hätte dem Wert der Pistole sicherlich entsprochen, und er fühlte, dass er gerade gnadenlos über den Tisch gezogen wurde. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Er hatte, wonach er suchte, alles andere war bedeutungslos. Kommentarlos legte er die Geldscheine auf den Tisch, die Uhr oben drauf und streckte seine Rechte aus, um die Pistole in Empfang zu nehmen.

„Bist du verrückt?“ empört sich Ali. Du kannst doch die Waffe nicht einfach so in deine Lederjacke stecken. Wenn das jemand sieht?! – Warte. Ich wickle sie in Tuch ein, dann ist keine Gefahr.“ Damit stand er auf und ging nach nebenan. B. kam diese Vorsichtsmaßnahme ziemlich überflüssig vor, aber er wollte mit Ali jetzt auch nicht diskutieren. Vielleicht war es ja richtig so. Sein Adrenalinpegel kam allmählich runter, das Geschäft war gemacht, und ob die Pistole nun eingewickelt war oder nicht, machte keinen Unterschied.

Ali kam zurück und gab B. ein schwarzes Stoffbündel, in dem er die Konturen einer Pistole fühlen konnte.

„Hier, hast du“, sagte Ali feierlich, „jetzt kannst du dich wehren, wenn Glatzen zu nahe kommen.“

B. steckte das Bündel in die Brusttasche seiner Lederjacke und verabschiedete sich mit Handschlag von Ali. Er begleitete ihn noch hinunter auf die Straße, gab ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und verschwand dann wieder im Café Oriental. B. ging zur U-Bahn und fuhr wieder ohne zu zahlen. Zum zweiten Mal in seinem Leben.

Die 80 Euro in seiner linken Socke und das opulente Mahl, das er sich noch gönnen wollte, hatte er vergessen. Das kostbare Stück, das er in der Tasche über seinem Herzen spürte, nahm sein ganzes Denken und Fühlen gefangen. Das war es, was er wollte. Dafür hatte er sein letztes Geld ausgegeben, jetzt wollte er die Sache schnellst möglich zu Ende bringen.

In seiner kalten Höhle angekommen, machte es sich B. in der Küche erst einmal mit Kerzen und Whisky gemütlich. Durch den Dauerstress, dem er ausgesetzt war, hatte sich die Wirkung von Raki und Bier verstärkt, und der Whisky setzte noch eins oben drauf. Doch B. war im Umgang mit Alkohol nicht ungeübt und hatte alles unter Kontrolle. Er wusste, was er tat.

Bedächtig legte er das von Ali mehrfach mit Schnüren umwickelte Bündel auf den Tisch und machte sich daran, seine mit einigem Aufwand erstandene Errungenschaft aus der Umhüllung zu befreien. Als er den Stoff zur Seite klappte und das gute Stück zum Vorschein kam, geriet B. ins Zweifeln. War das die Pistole, die er in Alis Warenlager gesehen und mit der jener die Straßenlaterne abgeschossen hatte? Sie kam ihm deutlich kleiner vor und sie hatte auch nicht diesen vornehmen schwarzen Glanz. Dieses Ding hier sah eher ungepflegt, geradezu schäbig aus. Aber vielleicht hat er in seiner Aufregung die Dinge einfach nur viel euphorischer gesehen. Wahrscheinlich hat er dieses Instrument, das ihn von diesem in ein anderes Leben befördern sollte, beim ersten Anblick überhöht und verklärt als etwas viel Schöneres als das, was es in Wirklichkeit war. Dass er viel zu viel gezahlt hatte, stand angesichts dieses verrosteten Stück Eisens endgültig außer Frage. Aber spielte das jetzt noch eine Rolle?

Ein letztes Glas Whisky, dann war es so weit. B. steckte sich den Lauf der Pistole in den Mund und schloss die Augen. Die sicherste Methode, sich zu erschießen, ist immer durch den Mund. Das hatte er einmal gelesen, und in den Krimis machen es die Leute, die sich sicher umbringen wollen, auch immer so.

Es war über weite Strecken ein durchaus gutes Leben, und ich hatte Spaß, dachte er noch, aber wenn Schluss ist, ist eben Schluss. Jeder bekommt in seine Wiege eine bestimmte Portion Glück hinein gelegt, und wenn das aufgebraucht ist: Finito. Manch einem reicht es bis 80 oder 90, bei anderen, die in jungen Jahren zu verschwenderisch damit umgegangen sind, ist das Füllhorn eben mit Ende 50 leer.

Er drückte ab und es machte Klack! Mehr passierte nicht. Hektisch drückte B. noch einmal ab, und noch einmal, und noch einmal. Nichts.

Frustriert nahm er die Pistole aus dem Mund. Der verrostete Lauf schmeckte widerlich. Mit zitternden Händen untersuchte er die Pistole und fand den Hebel, um das Magazin aus dem Schaft zu entlassen. Es war mit drei Patronen bestückt. Eine davon hätte sein Hirn durchschlagen müssen. Hat sie aber nicht. Dieses verfluchte Scheißding verweigerte seinen Dienst, machte nicht mit, ließ ihn einfach hängen.

Ein markerschütternder, unmenschlicher Schrei hallte durch die kalte Wohnung und war auch noch im Treppenhaus zu hören. B. schleuderte das wertlose Eisen gegen den Küchenschrank und traf die Vitrine, in der die Gläser untergebracht waren. Es klirrte und schepperte, und B. fiel vom Stuhl. Alkohol ist unberechenbar.

„Nicht einmal das kriege ich hin“, rief er auf dem Boden liegend dem flackernden Kerzenlicht entgegen. „Selbst bei meinem letzten Geschäft lasse ich mich noch bescheißen. Ich tauge zu nichts. Ich schaffe es nicht einmal, mich ordentlich umzubringen. Was für ein Versager…?“

Mit Mühe schaffte er es, die Wohnungstür zu erreichen, öffnete sie und schrie in das dunkle Treppenhaus: „Versager, Versager, Versager…!“

Als B. die Augen öffnete, fiel sein Blick auf eine altmodisch geblümte Tapete. Er war ausgezogen, lag in einem Bett und hatte einen Steifen. Wie kommt das? wunderte er sich, Wo bin ich, und wie komme ich hierher? Hatte sich eventuell doch eine Patrone gelöst, und er war im Himmel, und dort sah es so aus? Oder doch in der Hölle? Er drehte seine Kopf zur Seite, weil er die Blümchentapete nicht mehr ansehen und nachdenken wollte. Da saß eine Frau, den Kopf zur Seite geneigt, in einem großen Lehnsessel und schlief leicht schnarchend.

„Hallo, wo bin ich?“ rief B. erschrocken aus. Die Frau schreckte hoch.

„Ach, da sind Sie ja“, sagte sie ganz ruhig. „Wurde langsam aber auch Zeit, dass Sie wieder ins Leben zurückkehren. Ich habe Ihnen einen Hausanzug hingelegt. Ziehen Sie den an und kommen Sie in den Salon. Dann wollen wir erst einmal auf Ihre Wiedergeburt trinken. Ein wunderbarer Champagner wartet auf Sie.“

Damit verließ die Frau den Raum. War das nicht die Alte von schräg gegenüber? B. kam ins Grübeln. Doch, das musste sie sein, dieses Gesicht hatte er schon gesehen. Ganz bestimmt, und die Stimme kam ihm auch bekannt vor.

Er stand auf. Die Erektion, die ihn ausgerechnet jetzt heimsuchte, war ihm rätselhaft. An der alten Dame konnte es ja wohl kaum liegen. War es sein Unterbewusstsein, das ihm suggerierte, schon in einer anderen Welt zu sein, in einer Welt, in der es angebracht war, mit einem Ständer durch die Gegend zu laufen? B. schlüpfte in den Hausanzug, den die alte Dame über den Stuhl gelegt hatte. Blauer Samt mit goldenen Bordüren, fürchterlich kitschig, aber gut riechend. Und er passte. Dazu lederne Pantoffeln. Die Erektion ließ nach, und er konnte sich bedenkenlos durch die geöffnete Tür in den Salon begeben.

„Ach, das steht Ihnen ja hervorragend. Morgen werden wir die Haare waschen und den Stoppelbart rasieren, dann sind Sie wieder ein ansehnlicher junger Mann.“

„Junger Mann“, knurrte B. „Die Zeit als ich ein junger Mann war, ist lange vorbei.“

„Das ist alles relativ, mein Lieber. Sehen Sie mich an. Ich bin 79 – dagegen sind Sie ein junger Mann, oder etwa nicht? Ich könnte Ihre Mutter sein.“

Da ist was dran, stelle B. für sich fest. 20 Jahre Unterschied ist doch eine ganze Menge, egal in welchem Alter. Er sah sich um. An den Wänden Ölgemälde, Kristalllüster von der Decke, wertvolle alte Möbel… Was war das für eine Welt, in der er da geraten war? Die alte Dame saß in einem Sessel und strahlte ihn an.

„Ich bin Annabella, Ihre Nachbarin. Wir sind uns schon das eine oder andere Mal im Treppenhaus begegnet, aber abgesehen von einem kurzen Gruß haben Sie mir wenig Beachtung geschenkt. Und einmal, als Sie noch mir Ihrer Lebensgefährtin zusammen wohnten, und ich mich über die Lautstärke beschwerte, als Sie gerade mal wieder Party machten, waren Sie sogar recht freundlich. Aber das ist Jahre her. – Nehmen Sie Platz. Die Champagnerflasche habe ich schon entkorkt und auch ein paar Häppchen für Sie vorbereitet. Sie müssen hungrig sein.“

B. ließ sich in den Ledersessel sinken, den ihm die alte Dame mit einer nonchalanten Geste anbot. Er nahm den Champagnerkelch, stieß mit ihr an und trank das Glas mit einem Schluck aus. Das tut man nicht, aber er war ja schon tot, da musste man keine Rücksicht mehr nehmen. Diese Rücksichtslosigkeit ließ er auch der wunderbar angerichteten kalten Platte mit Schinken, Lachs, Kaviar, kaltem Braten und vielen anderen Leckeren, die er lange nicht mehr genossen hatte, zukommen. Gierig stopfte er das Essen in sich hinein und machte erst eine Pause, als ihm ein kräftiger Rülpser entfuhr.“

„Wie ich höre, schmeckt es Ihnen“, sagte die alte Dame amüsiert. Während er aß, hatte sie ihm wortlos zugesehen.

„Verzeihung“, stammelte B., den letzten Bissen hinunterschluckend.

„Aber, aber“, sagte sie verständnisvoll, „ das kann doch passieren, wenn man so ausgehungert ist. Außerdem liegt’s am Champagner, geht mir manchmal auch so. Aber ein gutes Tröpfchen, nicht wahr? Davon hat mein verstorbener Mann – Gott hab’ ihn selig – einen größeren Vorrat angeschafft. Wir können also trinken bis wir umfallen.“

„Ich habe heut schon so viel getrunken“, gab B. zu bedenken, „ich will nicht mehr trinken bis zum Umfallen. Außerdem bin ich heute ja schon umgefallen“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte die alte Dame besänftigend, „aber es ist nicht mehr heute, es ist schon beinahe übermorgen.“

„Wie bitte?“

„Ja, Sie haben fast einen ganzen Tag lang geschlafen. Jetzt haben wir den 22. Dezember. Zwei Tage vor Weihnachten, und draußen liegt Schnee. Weiße Weihnacht, ist das nicht toll?

„Und wie komme ich hierher?“ wollte B. wissen.

„Ganz einfach. Sie lagen vor Ihrer Wohnungstür und haben laut geschrien ‚Versager, Versager, Versager’. Darauf hin bin ich herausgekommen, um nachzusehen, was los ist, und sah Sie dort liegen. Glücklicherweise kamen gerade die beiden Jungen, Sie wissen schon, die Schwarzen von oben, die Treppe herunter, und ich habe sie gebeten, Sie in meine Wohnung zu bringen. Das hätte ich alleine nie geschafft. Den Rest habe ich dann aber selbst erledigt.

B. schoss das Blut in die Wangen.

„Das heißt, Sie haben mich ausgezogen und zugedeckt?“

„Ja, das habe ich.“

„Und hatte ich da schon…?“

„Ja, das hatten Sie in der Tat. Aber das muss Ihnen nicht peinlich sein. Delinquenten, die auf dem Schafott warteten, erhängt zu werden, hatten das ganz oft im letzten Moment. Sie waren ja in einer ähnlichen Situation, nicht wahr? Ich musste auf Männlichkeit so viele Jahre verzichten und fand den Anblick ausgesprochen schön. Hat mich an schöne Stunden erinnert. – Noch ein Schlückchen Champagner?“

Dieser Frau, das wurde B. in dem Moment klar, war er nicht gewachsen. Das war ein Mensch, der sich weit jenseits seines Erfahrungshorizonts bewegte. Eine Frau, die ihm weit überlegen war, wo er doch immer glaubte, alles zu kennen und alles im Griff zu haben. Nichts wusste er, von nichts hatte er eine Ahnung. Die alte Dame hingegen schien durch ihn hindurch sehen, schien alles zu wissen.

„Was sollte das eigentlich?“ fragte die alte Dame scheinheilig und zog hinter dem Kissen in ihrem Sessel die verrostete Knarre hervor, die B. bei Ali für 400 Euro und eine 1000-Mark-Uhr erstanden hatte. „Das lag in Ihrem Küchenschrank zwischen zertrümmerten Gläsern.“

War ihm die Geschichte bis hierhin schon außerordentlich unangenehm, jetzt hatte sie eine Peinlichkeit erreicht, die kaum zu ertragen war.

„Was geht Sie meine Knarre im Küchenschrank an?“ fauchte er sie an und bedauerte in dem Moment seine rüden Ton.

„Nichts“, sagte sie ruhig. „Was Sie in Ihrer Wohnung tun und lassen, ist Ihre Sache. Aber in dem Moment, wo Sie im Treppenhaus liegen und ‚Versager’ brüllen, geht es mich etwas an. Da ist ein Mensch, Sie, in Not. Soll ich wegsehen? Soll ich meine Ohren verschließen? Das habe ich als Kind erlebt und später erfahren, welche Konsequenzen es für die Menschen hatte. Nein, Ich höre hin und ich sehe nicht weg. Aber nachdem Sie hier sicher untergebracht waren, habe ich mir erlaubt, mich in Ihrer kalten Wohnung umzusehen, und bin in der Küche auf diesen merkwürdigen Fund gestoßen.“

Während sie sprach, hatte sie die Pistole mit spitzen Fingern vorne am Lauf gefasst und mit ausgestrecktem Arm von sich gehalten. Eine Geste, die überzeugender als tausend Worte ihre Abscheu gegenüber diesem Gerät zum Ausdruck brachte. Vorsichtig legte sie das Ding auf den Tisch.

„Man hat Sie übers Ohr gehauen, nicht wahr? Sie sind einem Betrüger aufgesessen“, sagte sie kichernd und nippte an ihrem Champagnerglas. „Das war mal eine richtige Pistole, und vielleicht hat sie auch Menschen ins Jenseits befördert. Wer weiß? Aber irgendwann hat man sie zur Requisite umfunktioniert. Sie kann keinen Schaden mehr anrichten.“

„Requisite?“ B. verstand nicht, was die Dame meinte.

„Ja, sehen Sie.“ Damit nahm sie die Pistole – jetzt gar nicht mehr damenhaft pikiert mit spitzen Fingern, sondern ganz routiniert mit sicherem Griff in die Hand, zog den Schlagbolzen zurück und hielt ihm das Ding vors Gesicht.

„Der Hammer ist abgefeilt. Da kann keine Patrone mehr losgehen.“

B. war platt. Die alte Dame wurde immer erstaunlicher.

„Woher wissen Sie das? Wie kommt es, dass Sie sich so gut mit Waffen auskennen?“

„Ach Gottchen“, seufzte sie genervt und legte die Waffe zurück auf den Tisch. „Sie sind halt doch zu jung und haben keine Ahnung. Als ich ein kleines Mädchen war, herrschte Krieg, und wo Krieg ist, gibt es Waffen. So ist das nun mal. Später war ich am Theater, und wir haben mit solchen Requisiten gespielt. So einfach ist das.“

Die sibyllinische Antwort der alten Dame reizte B. sehr nachzuhaken. Doch ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nicht bereit war, mehr dazu zu sagen. Also blieb er stumm und trank von seinem Champagner.

„Gutes Tröpfchen, hab’ ich doch gesagt. Nur zu, es gibt genug davon“, kicherte Annabella und schenkte nach. „Aber für heute wollen wir es dabei belassen. Morgen wollen wir für Weihnachten einkaufen, und Sie werden mich chauffieren. Ach, wie ich mich darauf freue.“

Annabella hatte die Regie übernommen, B. wehrte sich nicht, und so strebte das ungleiche Paar einem schönen, harmonischen Weihnachtsfest entgegen. Sie genoss es, von ihm in ihrem dunkelblauen Daimler durch die Stadt kutschiert zu werden, erfreute sich wie ein Kind an der Festbeleuchtung in den Einkaufsstraßen, bestand darauf, ihn bei einem der teuersten Herrenausstatter von Kopf bis Fuß neu einzukleiden und forderte eine großen Weihnachtsbaum, auf den sie so viele Jahre hatte verzichten müssen, und den B. nun mit kostbarem Schmuck dekorieren durfte.

Manchmal kam es ihm vor, als säße ihm an der festlich gedeckten Tafel eine sehr gute, langjährige Freundin gegenüber, dann wiederum hatte er das Gefühl fremd und vollkommen deplatziert zu sein. Annabella spürte seine Stimmungseinbrüche und wirkte dagegen.

„Sie müssen nicht traurig sein“, sagte sie dann mit sanfter Stimme und strich ihm mütterlich übers Haar. „Alles wird gut, glauben Sie mir. Manchmal ist es auch von Vorteil, betrogen zu werden.“

„Ich hasse es, betrogen zu werden, noch dazu von so einem…“ ereiferte sich B. wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte.

„Mein Gott, welchen Unterschied macht es denn, wer Sie über den Tisch gezogen hat, hmmm?“ Annabella wurde ungehalten. „Sie wollten Ihr Leben wegwerfen, und nur weil ein Türke oder Araber oder was immer er war, Ihnen für verhältnismäßig viel Geld ein verrostetet Stück Eisen angedreht hat, das zu nichts taugt, sind Sie noch hier. Dafür sollten Sie dankbar sein.“

„Ach, was wissen Sie denn?“ schnauzte B. die alte Dame an.

„Mehr als Sie denken und vermutlich mehr als Sie je wissen werden“, entgegnete sie sanft und ließ ihn stehen.

B. sah ein, dass es keinen Sinn hatte, mit ihr zu diskutieren. Warum musste er sich für sein Vorhaben auch ausgerechnet diese Zeit aussuchen? Weihnachten, Jahreswechsel? Die Zeit, in der die meisten Menschen ohnehin verrückt spielen. Zu jeder anderen Jahreszeit wäre die Sache anders ausgegangen. Jetzt saß er da in der Falle und brachte es nicht fertig, der alten Dame vor den Kopf zu stoßen. Na gut, fürs erste hatte er ein Dach über dem Kopf, gut zu essen und zu trinken, und nach Silvester würde er verschwinden. Dann hatte er seine Pflicht getan. 

 

Nach den Feiertagen aktivierte sie die beiden schwarzen Jungen von oben, die B. nach seinem Zusammenbruch in ihre Wohnung gebracht hatten, um seinen Hausstand und vor allem seine Bücher herüber zu schaffen. In der riesigen Wohnung bewohnte die alte Dame nur den vorderen Bereich mit drei Zimmern, Küche und Bad. Nun aber hat Annabella die rückwärtige Tür des Salons, von der B. immer dachte, sie führte zu irgendeinem Treppenhaus, geöffnet und ihm den erheblich größeren Nebentrakt der Wohnung zugewiesen.

Um freie Hand zu habe, hatte sie ihn mit einer Reihe von Aufträgen losgeschickt: Einkaufen, Apotheke, Schneider, Tanken… Als er nach Stunden zurückkam, stand er vor vollendeten Tatsachen.

„Das war das Reich meines Mannes, hier können Sie sich einrichten: Schlafzimmer, Bibliothek, Rauchersalon, Toilette, Bad. Machen Sie es sich bequem.“

„Aber was soll ich hier“, erregte sich B. „Sie haben mich in einer verzweifelten Situation vom Boden aufgelesen, dafür danke ich Ihnen. Wir hatten ein schönes Weihnachtsfest, dafür danke ich Ihnen auch, und wir können gerne auch noch Silvester zusammen verbringen. Aber dann werde ich meiner Wege gehen, und Sie können mich nicht davon abhalten.“

„Schscht, nicht aufregen“, sagte Annabella leise und legte den Zeigefinger ihrer Rechten auf die geschlossenen Lippen. „Seien Sie ganz unbesorgt. Ich will nichts von Ihnen, und Sie sind zu nichts verpflichtet. – Silvester fürchte ich, werden wir nicht mehr zusammen feiern. Aber Sie sind dann in jedem Falle frei und können tun und lassen, was Sie wollen.“

Daraus wurde B. nicht schlau. Ihm fiel nur Annabellas veränderte Verhalten nach den Feiertagen auf. Immer häufiger zog sie sich für mehrere Stunden in ihr Schlafzimmer zurück. Dort hatte sie einen kleinen Biedermeier-Schreibsekretär zu stehen, dort hatte sich auch einen Telefonanschluss, den sie häufig benutzte.

„Wenn die Tür geschlossen ist, möchte ich bitte nicht gestört werden“, hatte sie die Spielregeln unmissverständlich erklärt, die B. selbstverständlich respektierte.

Am frühen Abend läutete es, und Annabella beeilte sich, die Tür zu öffnen und den Herrn im dunklen Zweireiher in Empfang zu nehmen.

„Lieber Dr. Schmitz, ich freue mich, Sie nach so langer Zeit wieder zu sehen. Kommen Sie herein und legen Sie ab. Hier entlang, bitte.“

Sie geleitete den Herrn, dessen Gesichtsausdruck nicht auf eine freudige Stimmung deuten ließ, in ihr Schlafzimmer mit dem Biedermeier-Sekretär und schloss die Tür. Nach einer guten halben Stunde verließ der Herr in Nadelstreifen die Wohnung mit eben dem sauertöpfischen Gesichtsausdruck, mit dem er erschienen war.

„So, das hätten wir“, sagte Annabella mit jugendlich strahlendem Blick. „Das war mein Anwalt, wissen Sie? Jetzt ist alles geregelt. Sie brauchen keinen verlogenen Geschäftemacher mehr und auch kein verrostetes Stück Eisen. Seien Sie ganz entspannt.“ Dabei strich sie B. zärtlich über die Wange. „Jetzt habe ich aber auch mal eine Bitte an Sie.“

„Aber ja, natürlich, alles, was Sie wollen. Ausfahren, ins Konzert, in die Oper – was Ihnen Freude macht“, beeilte sich B. zu sagen. Er hätte nicht sagen können, weshalb, aber irgendwie plagte ihn ein schlechtes Gewissen.

„Nein, nein, mein Lieber, das war früher. Jetzt habe ich nur den einen Wunsch, dass Sie mich zu Bett bringen und mir einen Gutenachtkuss geben. Nicht mehr. Nur einen liebevollen Gutenachtkuss.“

B. konnte nichts sagen. Das Verhalten der alten Dame hatte ihn von Anfang an irritiert, jetzt war er wie gelähmt.

„Na, was ist? Haben Sie noch nie eine Frau zu Bett gebracht und ihr einen Gutenachtkuss gegeben? Also: Seinen Sie ein Mann!“

Annabella lachte fröhlich und schritt voran in Richtung Schlafzimmer. B. folgte ihr. Dort angekommen, streifte sie ihren Hausmantel von der Schulter, darunter trug sie einen seidenen Pyjama.

„Sehen Sie, alles comme il faut.“

Vor ihrem Bett blieb sie stehen und wartete darauf, dass B. die Bettdecke zurückschlug. Schließlich war es seine Aufgabe, sie zu Bett zu bringen. Als sie lag, und er die Bettdecke behutsam bis zu ihrer Brust hochzog, schloss sie die Augen und lächelte selig.

„O wie gut das tut“, sagte sie verträumt, „und jetzt den Gutenachtkuss.“

B. überlegte krampfhaft. Wohin gibt man einen Gutenachtkuss? Auf die Stirn oder auf den Mund. Er hatte keine Kinder und war nicht geübt im Verteilen von Gutenachtküssen. Vielleicht doch auf die Stirn? Er tat es.

„Doch nicht so“, empörte sich Annabella, „das ist eine lächerliche Geste der Überwindung für Leute, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will. Ich hoffe doch, Sie wollen etwas mit mir zu tun haben.“

B. küsste sie auf den Mund. Zärtlich, nicht fordernd, nicht wie man eine Frau küsst. Annabella behielt ihre Augen geschlossen.

„Ja, das war schön“, sagte sie zufrieden lächelnd. „Sie dürfen sich jetzt zurückziehen.“

In dieser Nacht hat B. lange kein Auge zugetan, zu sehr hat ihn die Szene vom vorangegangenen Abend beschäftigt. Annabella war eine außerordentlich bemerkenswerte Frau und er wollte unbedingt mehr von ihr erfahren.

In den wenigen Tagen des Zusammenseins hatte es sich so ergeben, dass die Frühaufsteherin das Frühstück für den Langschläfer zubereitete und schon immer ungeduldig wartend am Küchentisch saß, wenn er mit müden Augen und wirrem Haar hereintaperte. „Na, gut geschlafen“, sagte sie dann immer mit süffisantem Unterton und schlürfte an ihrem Kaffee.

Als er am späten Vormittag des 30. Dezember die Küche betrat duftete es nicht nach Kaffee. Kein Frühstück, keine Annabella. Ein ungutes Gefühl kroch in B. hoch.

„Nein! Bitte nicht! Nicht das!“ rief er aus und hastete in Annabellas Schlafzimmer.

Doch es war so. Die alte Dame lag so wie er sie zugedeckt und geküsst hatte in ihrem Bett, mit geschlossenen Augen, glücklich lächelnd – tot.

Sie hatte es gewusst, und er war ahnungslos. Nichts hat darauf hingedeutet, jedenfalls hatte er nichts mitbekommen. Was für ein Idiot war er nur? Er ging in die Küche, holte eine Flache Champagner (von dem es ja noch jede Menge im Keller gab) aus dem Kühlschrank und ging zurück ins Schlafzimmer.

„Ja, meine Liebe, jetzt muss ich den Champagner alleine trinken. Wie gerne hätte ich das mit dir getan.“ In dem Moment fiel ihm auf, dass sie immer per Sie waren. Nicht einmal hatte er sie geduzt, oder sie ihn. Jetzt, da sie sich verabschiedet hatte, schien ihm diese Vertrautheit natürlich.

Was für eine perverse Situation? Er wollte gehen, er hatte die Schnauze voll, er hat sich die Schrottpistole andrehen lassen. Sie brauchte keine Pistole. Sie hat sich einfach hingelegt und beschlossen zu sterben. Punkt, Aus und Ende.

Eine Stunde vielleicht mag B. auf der Bettkante gesessen haben bis die Champagnerflasche leer war. Er musste etwas tun. Er war in einer Wohnung, die nicht die seine war, und dort lag eine Leiche. Das sah nicht so richtig gut aus. Er stand auf, um zum Telefon zu gehen, das Annabella auf einem kleinen Tischchen neben dem Sekretär zu stehen hatte. Die Klappe des Sekretärs stand offen, darauf lag ein großer brauner Umschlag: „Für B.“ Mit zittrigen Händen nahm B. den Umschlag in die Hand, griff zum Brieföffner, den Annabella praktischerweise daneben gelegt hatte, und schlitzte das Papier auf.

Es waren mehrere Seiten, eng beschrieben und am Ende mit einem notariellen Siegel und Unterschrift versehen. Das war amtlich, und es war ein Testament – ausgestellt auf seinen vollen Namen. Sein Personalausweis lag mit dabei. Irgendwann musste sie das Dokument aus seiner Tasche entwendet haben. In diesem Moment war er der Eigentümer einer 250-Quadratmeter Stadtwohnung mit allem Mobiliar, eine Finca auf Mallorca, eines ansehnlichen Aktienpakets und eines Barvermögens von rund einer viertel Million Euro.

B. holte sich noch eine Flasche Champagner, obwohl er davon Sodbrennen bekam und eigentlich lieber ein Bier getrunken hätte. Aber Bier kam bei Annabella nicht ins Haus. Das war etwas für Proleten, nicht für gebildete Menschen. So hatte sie es gesehen. Ein bisschen eigen war sie schon.

Nun wagte er sich daran, das weiße Büttenkuvert zu öffnen, das dem Testament in dem großen Umschlag beigefügt war. Er las einen auf mehrere Seiten in akkurater Handschrift abgefassten Brief, und erfuhr, dass Annabella seit Jahren an einer unheilbaren Krankheit litt. Lange hatte sie dagegen gekämpft, doch vor einigen Monaten hatte sie beschlossen, sich die Torturen der Chemotherapie nicht länger antun zu wollen. Gegen die Schmerzen spritzte sie sich Morphium und wartete geduldig auf die Nacht ohne Morgen.

„Irgendwann kann man müde werden“, las B. laut weiter, „aber nicht in Ihrem Alter und nicht, weil irgendwann mal das Geld knapp wird. So etwas lässt sich immer richten, glauben Sie mir. Ich habe auch magere Jahre erlebt.

Als mein geliebter Mann mit unserem Sohn vor 22 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, dachte ich, auch ich müsse sterben. Doch ich habe ins Leben zurück gefunden, mich mit meinem Alleinsein arrangiert und ich war wieder glücklich. Als ich dann vor acht Jahren mit dieser fürchterlichen Krebsdiagnose konfrontiert wurde, hatte ich zunächst die gleichen Gefühle. Doch auch in der Situation habe ich gekämpft – bis vor kurzem eben. Irgendwann ist dann doch der Punkt erreicht. Wäre da einen Menschen gewesen, für den es sich gelohnt hätte weiter zu kämpfen – ich hätte womöglich noch nicht aufgegeben. Aber so? Wofür? Schade, dass wir uns nicht früher etwas näher gekommen sind. Aber weshalb sollten Sie sich für eine alte Frau wie mich interessieren? Dass Sie es nicht getan haben, ist nicht verwerflich, und ich mache Ihnen keinen Vorwurf.

Verwerflich ist, wenn man sich erhebt und versucht, dem Lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen. Das darf man nicht tun, denn unser Leben ist ein Geschenk, das jeder dankbar annehmen sollte.

Ich habe mir so sehr gewünscht, noch einmal ein richtig schönes Weihnachtsfest mit Tannenbaum und allem, was dazu gehört, zu erleben. Sie haben es mir geschenkt. Ihre Not war mein Glück. Sie waren mein Weihnachtsengel – und ich bin der Ihre.“

B. konnte nicht weiter lesen. Tränen trübten seinen Blick. „Was war ich nur für ein egoistisches Arschloch?“ schluchzte er. „Da lebt man jahrelang vis-à-vis mit einem wunderbaren Menschen und nimmt keine Notiz davon.“ Er trank von dem Champagner, wischte sich die Tränen aus den Augen und widmete sich dem letzte Blatt des Briefes.

„Wenn ich nicht mehr bin, müssen Sie sich um alles kümmern. Es tut mir leid, wenn es dabei auch ein paar weniger erfreuliche Dinge zu tun gibt, aber das ist nun mal so. In jedem Falle möchte ich eingeäschert werden. Das ist nicht weiter schwierig. Und ich wünsche mir, dass meine Asche vor der Küste meiner Lieblingsinsel Sylt der Nordsee übergeben wird. Ich liebe das Meer. Aber ohne Brimborium und ohne verlogene Sprüche, und es müssen Ihre Hände sein, die mich in pulverisiertem Zustand dem Wind überlassen.

Wie Sie es anstellen, meine Urne aus dem Krematorium herauszuschmuggeln, ist Ihre Sache. Aber mit ein bisschen Bestechungsgeld ist alles machbar.“

Leben Sie wohl, mein Lieber. Sie haben noch viele schöne Tage vor sich – genießen Sie jeden einzelnen. Sie haben es verdient.

Ihre

Annabella

 

Lange saß B. regungslos da, das letzte Blatt des Briefes noch immer in seiner Hand, und wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. Er konnte das alles noch nicht begreifen. Da schlägt sein aus den Fugen geratenes Leben innerhalb weniger Tage die wildesten Kapriolen und macht ihn unversehens zu einem sehr wohlhabenden Mann. Genau das, wonach er sein ganzes Leben lang gestrebt hat. Doch in diesem Moment erschien ihm dieser Umstand nicht wirklich bedeutsam, eher nebensächlich. Was sein Herz zutiefst anrührte, war diese erstaunliche, liebenswürdige, anmutige alte Dame, die nun ihren Frieden mit der Welt gemacht und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen ihre Augen für immer geschlossen hat.

B. trat neben Annabellas Bett und streichelte sanft über ihr duftendes weißes Haar. Dann beugte er sich hinab und gab ihr noch einen Gutenachtkuss, so wie am Abend zuvor.

„Warum musstest du jetzt schon gehen, jetzt, wo wir beinahe Freunde geworden sind?“ redete er mit heiserer Stimme auf die lächelnde Tote ein. „An Silvester hätten wir ausgelassen gefeiert und getanzt und Brüderschaft getrunken und ich hätte dich wieder mit einem Gutenachtkuss ins Bett gebracht.“ Er wandte sich vom Bett ab und ging hinüber zum Sekretär.

„Aber ich verstehe dich“, sagte er leise, während er die Papiere ordnete und in den Umschlag zurücksteckte. „Du hast genug Schmerz in deinem Leben ertragen müssen und hattest keine Lust mehr, weiter zu leiden. Ich verstehe das.“ Dann drehte er sich noch einmal zu ihr um.

„Ob ich das neue Leben, das ich dir zu verdanken habe, verdiene, weiß ich nicht. Aber ich werde jede deiner Ermahnungen beherzigen und ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich deinen letzten Wunsch erfüllen werde, koste es was es wolle. Weihnachtsengel darf man nicht enttäuschen.“

Damit löschte er das Licht und verließ mit dem Umschlag in der Hand Annabellas Schlafzimmer. Es gab viel zu tun.

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