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Verschiebe nichts im Leben

Nacherzählt von Hans-Jörg Müllenmeister

Mein Freund öffnete eine Schublade und holte daraus ein kleines Paket. Dies war nicht einfach ein Paket, darin liegt feine Wäsche, die in Seide eingewickelt war. Er betrachtete die Seide und die Spitzen. „Die habe ich vor zehn Jahren in Paris gekauft, aber sie hat sie nie getragen. Sie wollte alles aufbewahren, für eine besondere Gelegenheit. Nun ja, ich glaube, jetzt ist der Moment gekommen“. Er ging zum Bett und legte das Päckchen zu den anderen Sachen, die der Bestatter mitnehmen würde – seine Frau war gestorben.

Er drehte sich zu mir um und sagte: „Hebe niemals etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den Du erlebst, ist besonders“.

Ich denke immer an seine Worte; sie veränderten mein Leben. Heute sinniere ich viel mehr über das Überuns nach als früher. Ich laufe in freier Natur und genieße Blumen, Wälder und Seen. Ich ertappe mich, wenn ich selbst Kieselsteine und Unkraut verehre. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und mit Freunden. Ich habe begriffen, dass das Leben aus einer Sammlung von Erfahrungen besteht, die man schätzen lernen sollte. Außerdem schone ich nichts: Ich nehme die Kristallgläser und das Meißner Porzellan jeden Tag. Ich hebe mein Erspartes nicht auf, sondern gönne mir dafür Dinge, die das Heim wohnlicher machen.

Begriffe wie „irgendwann, eines Tages und später“ habe ich gestrichen. Wann immer, wenn es sich lohnt, möchte ich, was mir in den Sinn kommt, gleich hören, sehen und unternehmen. Ich weiss nicht was die Frau meines Freundes getan hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie morgen nicht mehr da ist. Ich denke, sie hätte ihre Freunde angerufen, vielleicht hätte sie sich bei alten Freunden für einen Streit entschuldigt, der lange her war. Ich stelle mir gern vor, dass sie Persisch essen gegangen wäre. Das mochte sie so sehr. Es sind die kleinen nicht getanen Dinge, die mich ärgern würde, wenn ich wüsste, dass meine Stunden gezählt sind. Ich wäre traurig, gute Freunde nicht mehr getroffen zu haben, mit denen ich schon so lange Kontakt aufnehmen wollte „irgendwann eben“. Traurig, dass ich die Briefe nicht mehr geschrieben habe, die ich schreiben wollte “irgendwann eben“. Traurig, dass ich meinen Lieben nicht oft genug gesagt habe, dass ich sie liebe.

Inzwischen verschiebe ich nichts mehr, bewahre nichts mehr für eine besondere Gelegenheit auf, was ein Lächeln ins Leben bringen könnte. Ich sage mir, dass jeder Tag ein besonderer Tag ist. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist besonders. „Demnächst“ zu sagen, ist weit weg, vielleicht tue ich es dann nie. Jetzt lebe! Jetzt leben!

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