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Blöd, wenn man an den Falschen gerät

Hannes hatte einen schweren Tag und er war müde. Als er das Haus betrat, kam Conny, die Labrador-Hündin, wie gewohnt freudig erregt auf ihn zu und holte sich ihre Streicheleinheiten ab. Petra, seine Frau, erwartete ihn ungeduldig und gab ihm einen flüchtigen Kuss.

„Mensch Hannes, wo bleibst du denn? Ich wärme dir noch schnell die Suppe auf, dann musst du dich aber umziehen und losgehen.“ 

„Umziehen?“

„Oh Mann, ich glaube es nicht“, stöhnte Petra und legte ihren Handrücken echauffiert an die Stirn wie Frauen es zuweilen gerne tun, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es erwarten. „Heute ist der 6. Dezember und du hast deinem Freund Wolfgang – wie in den letzten vier Jahren – zugesagt, dass du in der roten Kutte, mit weißem Bart und Zipfelmütze auftreten wirst, um seinen Kindern den Nikolaus zu machen.“

„Lieber Himmel, das habe ich ganz vergessen. Es war so ein fürchterlicher Tag.“

„Das glaube ich dir gern“, sagte Petra nun versöhnlich und gab ihrem Mann einen liebevollen Kuss auf den Mund. „Aber versprochen ist versprochen und die ganze Familie wartet auf dich. Du darfst sie nicht enttäuschen. Da hinten steht der Jutesack mit den Geschenken.“

„Ja, du hast Recht“, räumte Hannes kleinlaut ein, „Freunde lässt man nicht hängen. Also her mit dem Kostüm und mach die Suppe warm, damit ich wenigstens noch etwas Warmes in den Magen bekomme, bevor ich mich auf den Weg mache.“

Erfahrungsgemäß endeten die Nikolausabende bei seinem Freund Wolfgang stets ziemlich feucht-fröhlich. Nachdem er seine Geschenke verteilt, die Kinder artig Weihnachtslieder gesungen und Gedichte aufgesagt hatten, wurden die glücklichen-müden Kleinen von der Mutter ins Bett gebracht. Seines Nikolaus-Kostüms entledigt saß Hannes dann mit den Freunden im Wohnzimmer beisammen. Weihnachtliche Musik im Hintergrund, köstlicher Rotwein auf dem Tisch, unterhaltsame Gespräche – man genoss die Stunden. Also war klar, dass das Auto in der Garage blieb, und er die U-Bahn in Anspruch nahm. Er war kein begeisterter Bahnfahrer. Zu viele Menschen mit mürrischen Gesichtern, zu schlechte Luft und dann noch die unsäglichen Musikanten, die Bettler, die Fahrräder, die den Ausgang verstellten… Das alles war nicht sein Ding, doch im Hinblick auf den zu erwartenden Rotweingenuss am späteren Abend erschien dieses Transportmittel als das einzig vernünftige.

Eiligen Schrittes marschierte Hannes mit dem Jutesack auf dem Rücken die Straße entlang in Richtung U-Bahnhof. Nachdem es die letzten Tage ungewöhnlich warm gewesen war, hatte es über Nacht einen Wetterumsturz gegeben; die Temperaturen sind bis auf unter Null gesunken und ausgerechnet heute am Nikolaustag fiel der erste Schnee. ‚Passt doch’, dachte Hannes vergnügt, ‚das wird den Kindern bestimmt gefallen’ und stieg die Treppen zum U-Bahnhof hinab.

Petra und er konnten zusammen keine Kinder haben. Das mussten sie nach vielen Fehlversuchen und einer Reihe von Untersuchungen als gegeben hinnehmen. Umso mehr freuten sie sich, wenn sie mit den Kindern von Wolfgang und Olivia zusammen sein konnten und deshalb machte es Petra auch nichts aus, wenn Hannes den Nikolausabend außer Haus bei den Freunden verbrachte. Sie als Knecht Ruprecht wäre eine Fehlbesetzung gewesen und so lange Kinder an die Legende vom Nikolaus glauben, sollte man sie dabei belassen. So war sie in den letzten Jahren daran gewöhnt, diesen Abend alleine zu Hause zu verbringen – ein wenig traurig, aber letztlich doch zufrieden, dass es Max und Anja gab, die ihr geliebter Mann Hannes als Nikolaus beglücken durfte.

Es war einer jener großen Umsteige-Bahnhöfe, an denen sich auf mehreren Ebenen U- und S-Bahnlinien kreuzen. So hatte Hannes als ungeübter Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel jedes Jahr aufs Neue Mühe, sich zu orientieren und den richtigen Bahnsteig zu finden. Dann hatte er’s. Ja, die U 2 musste er nehmen und zwar in Richtung Norden. Also hurtig die Treppen runter und auf dem Bahnsteig eine Fahrkarte besorgen. Dass es dort einen Ticketautomaten gibt, war ihm noch erinnerlich. Umständlich versuchte er, unter der roten Kutte an das Kleingeld in seiner Hosentasche zu gelangen. Es brauchte seine Zeit, ehe er die passenden Münzen hervorgeholt, den Automaten bestückt, den richtigen Tarif ausgewählt und das Ticket schließlich aus dem Ausgabeschacht genommen hatte. Zulange. Der Zug, der gerade eingefahren war, als er die Münzen endlich in Händen hielt, nahm gerade wieder Fahrt auf, den Bahnhof zu verlassen.

„So ein Mist“, schimpfte Hannes halblaut, beruhigte sich aber sogleich wieder. „In fünf Minuten kommt der nächste Zug, was soll’s.“

Er wandte sich um und sein Blick fiel auf einen kleinen Backwarenladen. ‚Nicht schlecht’, dachte er. Der schnell gegessene Teller Suppe hatte ihn nicht satt gemacht und so konnte er die Zeit nutzen, um sich noch schnell eine Laugenbrezel zu besorgen.

Er schulterte seinen Jutesack und bewegte sich in Richtung Backshop, als ihm plötzlich drei Jugendliche den Weg verstellten. Er hatte sie nicht kommen sehen und war völlig überrascht, als einer von ihnen an seinem langen weißen Kunstbart zog und den Gummizug zurückschnellen ließ.

„Na, alter Mann, was hast du denn Schönes in deinem großen Sack?“, fragte ein anderer hämisch lachend.

„Lasst es gut sein, Jungs“, versuchte Hannes die Situation zu beruhigen und wollte seitlich an den Dreien mit ihren schräg aufgesetzten Basecaps vorbei.

Da traf ihn ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Er taumelte zurück, fasste sich instinktiv an die Nase und fühlte das warme Blut. Der Schmerz war erträglich und noch immer bemüht, jeder weiteren Eskalation aus dem Wege zu gehen, versuchte Hannes wegzulaufen. Mit dem langen Nikolausmantel und den schweren Stiefeln an den Füßen war das aber ziemlich schwierig, zumal das Trio es offensichtlich nicht bei diesem kleinen „Spaß“ bewenden lassen wollte. Hannes kam keine zwei Meter weit. Ein harter Tritt in die Kniekehle brachte ihn zu Fall und er konnte gerade noch den linken Arm hochreißen, um zu verhindern, dass er ungeschützt mit dem Kopf auf die Steinfliesen knallte. Ehe er realisieren konnte, was da gerade mit ihm geschah, verspürte er einen stechenden Schmerz am unteren Rippenbogen, dann am Hinterkopf…

In dem Moment, als Hannes zu Boden ging, kam ein Mann mittleren Alters mit seiner kleinen Tochter an der Hand die Rolltreppe hoch und wurde Zeuge der sich unmittelbar daneben abspielenden Szene mit dem Nikolaus und den drei Schlägern. Während andere Fahrgäste erschrocken einen Bogen machten und zusahen, dass sie möglichst schnell und unbehelligt Abstand gewannen, reagierte der Mann mit dem Kind sofort. Er hob das Mädchen hoch und rannte mit ihm unterm Arm hinüber zur Backstube.

„Bitte passen Sie auf meine Tochter auf. Ich bin gleich wieder da“, sprach er den Backwaren-Verkäufer an und stellte das Kind auf den Boden.

Dann lief er so schnell er konnte dort hin, wo die drei Jugendlichen den Nikolaus mit Tritten traktierten. Im Laufen analysierte er die augenblickliche Situation und wusste sofort, was zu tun war. Gerade schickte sich einer an, dem am Boden Liegenden ins Gesicht zu treten, als ihn die Faust des Mannes an der Kinnspitze traf. Ein harter Schlag, der ihn sofort zu Boden gehen ließ. Ein zweiter packte jetzt den Angreifer von hinten und versuchte, ihn umzureißen. Da erwischte ihn der vehement nach hinten gestoßene Ellbogen des furchtlosen Mannes direkt am Solaplexus. Die Luft blieb ihm weg und er fiel auf die Knie. Der dritte schließlich, der seinem Kumpel zu Hilfe kommen wollte, musste einen gezielten Kopfstoß auf die Nasenwurzel einstecken und blieb bewusstlos auf den Steinfliesen liegen. Es hat nur wenige Sekunden gedauert bis die drei Schläger außer Gefecht gesetzt und der Nikolaus von seinen Peinigern befreit waren.

Inzwischen war der Backwaren-Verkäufer herangekommen, der von der Tür seines Ladens aus sicherer Entfernung – das Kind des mutigen Eingreifers an der Hand – die ganze Aktion beobachtet hatte.

„Rufen Sie zwei Krankenwagen“, rief der Mann ihm zu, während er sich zu Hannes hinunter beugte und dessen Kopf in beide Hände nahm. Sofort zog der Backmann sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Notrufnummer.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte der Mann besorgt, „sind Sie so weit in Ordnung?“

„Ja, ja, es geht schon“, gab Hannes zu verstehen und richtete seinen Oberkörper mit leichtem Ächzen auf. Er blickte in die braunen Augen des vor ihm knienden Mannes und ergriff dessen Hände. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Wenn Sie nicht eigegriffen hätten – wer weiß, wie es jetzt um mich stünde. Danke, danke, danke.“

„Ach, das ist doch ganz selbstverständlich“, sagte der Mann ruhig. „Wenn so etwas geschieht, kann man doch nicht tatenlos zusehen. Ich jedenfalls nicht. – Bleiben Sie ganz ruhig, der Krankenwagen wird gleich hier sein.“

„Nein, nein“, widersprach Hannes, ich brauche keinen Krankenwagen. Helfen Sie mir bitte auf die Beine.“

Der Mann stand auf, zog Hannes an beiden Armen hoch und nahm ihn noch kurz in den Arm, um zu verhindern, dass dessen weiche Knie ihm doch den Dienst versagten. Aber Hannes blieb stehen, zupfte den weißen Nikolausbart mit roten Flecken zurecht und fasste sich an die blutende Stirn.

Jetzt wandte sich der Mann seiner kleinen Tochter zu, die an der Hand des Backwaren-Verkäufers herangekommen war.

„Da bist du ja, mein Schatz. Es tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest, aber es ging nicht anders.“

„Warum haben die Männer den Mann mit dem langen weißen Bart geschlagen?“, fragte das Kind mit zittriger Stimme.

„Das kann ich dir nicht sagen, Aija“, versuchte der Mann das aufgeregte Mädchen zu beruhigen. „Wahrscheinlich, weil sie böse sind und einfach nur Streit gesucht haben. Solche Menschen gibt es, leider.“

„Aber du hast sie auch geschlagen – bist du dann auch böse?“

Auf die unverstellte Wahrnehmung eines Kindes zu reagieren, fällt Erwachsenen mitunter nicht leicht und auch Aijas Vater hatte in dem Moment Mühe, die richtige Antwort zu finden.

„Nein, ich denke nicht, dass ich böse war. Ich habe dem Nikolaus nur geholfen. Er war alleine und die waren zu dritt. Das ist doch nicht fair, oder?“

„Ja, das ist wahr“, stimmte das Kind zu, „drei gegen einen ist nicht fair. Dann bist du nicht böse.“ Mit einem Schmatz auf die Wange ihres Vaters bekräftigte die Kleine ihre Aussage und gab zu verstehen, dass sie heruntergelassen werden wollte. Der Backwaren-Verkäufer hatte inzwischen ein feuchtes Handtuch geholt, damit sich Hannes das Blut aus dem Gesicht und vom Schnurrbart wischen konnte. Er fühlte sich schon wieder recht stabil und sah sich suchend nach seinem Jutesack mit den Geschenken um.

„Keine Sorge, alles da“, sagte der Backwaren-Verkäufer und schob ihm den Sack zu. „Der Bescherung steht nichts im Wege.“

Hannes verzog sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln und nickte zufrieden. Er sah auf seine Armbanduhr und nahm betrübt zur Kenntnis, dass Max und Anja noch etwas Geduld aufbringen mussten, bis der Nikolaus kam.

Zwei der Schläger lagen immer noch benommen auf dem Boden und stöhnten, der dritte, der den Ellbogen in den Solapexus abbekommen hatte, bekam langsam wieder Luft und wollte sich davonmachen. Aber der Mann, der vorher etwas dagegen hatte, dass er und seine Kumpane den hilflosen Nikolaus maltraitierten, der hatte auch jetzt etwas dagegen, dass er abhaute. Eine kräftige Hand packte ihn am Kragen, warf ihn zu Boden und ein Schuh drückte sich mit unangenehmem Druck in sein Genick. An Entkommen war nicht zu denken.

Zwei uniformierte Polizisten näherten sich dem Ort des Geschehens, ein älterer Mann und eine junge Frau. Sie positionierten sich frontal vor dem Mann, dessen Fuß immer noch den dritten Schläger zu Boden drückte.

„Zeigen Sie mir Ihren Ausweis und lassen Sie den Mann los“, forderte der männliche Uniformierte im Befehlston. Der Mann griff in seine Jackentasche, holte seine Brieftasche hervor, daraus seinen Ausweis und hielt ihm dem Beamten hin. Seinen Fuß behielt er auf dem Genick des Schlägers, den er auf keinen Fall entkommen lassen wollte.

„Mustafa Kamali“, las der Polizist gedehnt vor und seine Abneigung gegen diesen Menschen war unüberhörbar. „Geboren in Aleppo, so, so.“

„Ja“, sagte der Mann mit fester Stimme, „und bevor Sie weiter fragen: Vor acht Jahren offiziell eingereist, seit einem Jahr deutscher Staatsbürger. Verheiratet, zwei Kinder, fester Wohnsitz, gesichertes Einkommen als Ingenieur und ordentlicher Steuerzahler. –Wo ist das Problem?“

„Das Problem ist“ – und hier war die Wichtigtuerei in der Stimme des Polizisten für keinen den Umstehenden zu überhören – „dass wir beobachtet haben, wie Sie drei Männer zusammengeschlagen haben.“

„Das haben Sie richtig beobachtet“, sagte Mustafa lachend, „Aber nicht, weil ich nichts Besseres zu tun hatte, sondern weil die drei den Nikolaus fertig machen wollten. Der hatte keine Chance, und ich bin dazwischen gegangen. Die Krankenwagen sind bestellt, nehmen Sie die Bursche fest und die Sache hat sich.“

„Nein, nein, so einfach geht das nicht“, meldete sich nun die Polizistin zu Wort. „Sie haben mit Ihrer brutalen Vorgehensweise die Gesundheit und das Leben dieser drei Jugendlichen gefährdet. Dafür werden Sie sich vor Gericht verantworten müssen.

„Das darf doch nicht wahr sein“, platze jetzt der Backwaren-Verkäufer dazwischen. „Ich habe gesehen, wie die drei Halbstarken den Nikolaus brutal geschlagen und getreten haben und wenn dieser Mann nicht eingegriffen hätte, wäre der Nikolaus wahrscheinlich tot, oder so gut wie. Was werfen Sie ihm vor?“

„Es geht um die Verhältnismäßigkeit“, dozierter die junge Polizistin. „Wir leben in einem Rechtsstaat, der Selbstjustiz ablehnt. Das gilt auch für syrische Flüchtlinge.“

„Was heißt denn Selbstjustiz?“, insistierte der Backmann. Dieser mutige Mensch hat dem Nikolaus den Arsch gerettet. Was ist daran verwerflich?“

„Nein, nein, so geht das nicht“, sagte der Polizist in strengem Ton an Mustafa gerichtet. „Wir nehmen Sie jetzt mit auf die Wache. Dort werden wir alles klären. Die drei Herren kommen ins Krankenhaus – dann wird man weitersehen.“

„Und was ist mit dem Nikolaus?“, fragte der Backmann, dem das Verhalten der beiden Gesetzeshüter gründlich missfiel.

„Der natürlich auch“, blaffte der Polizist zurück.

„Nur, um das noch einmal klarzustellen“, wandte sich Mustafa in ruhigem Ton an die Polizistin. „Wie ich schon sagte, bin ich vor acht Jahren, also lange von Beginn des Krieges in Syrien offiziell eingereist. Ich besitze einen deutschen Pass und bin sehr zufrieden, Bürger dieses Landes zu sein. – Nix Flüchtling!“

Die junge Frau schnappe nach Luft und gerade als sie anheben wollte, den Deutschen aus Syrien für seine unverschämt selbstbewusstes Auftreten zu maßregeln, mischte sich unvermutet eine ältere Dame aus dem immer größer werdenden Kreis der neugierig glotzenden Umstehenden ein.

„Ich war da drüben im Nagelstudio und habe alles ganz genau verfolgt. Wo alle andern vorbei gegangen sind, ist dieser mutige Mann dazwischen gegangen und hat den Nikolaus vor Schlimmerem bewahrt. Das wollen Sie ihm jetzt vorwerfen? Sie sind doch nicht ganz dicht!“

„Nun aber mal langsam“, empörte sich der Polizist. „Seien Sie vorsichtig, was Sie sagen, oder wollen Sie sich eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung einhandeln?“

„Es ist mir ganz egal“, schnauzte sie Dame höchst erregt zurück. Meinetwegen zeigen Sie mich an. Aber was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Da müssen Sie mir nicht drohen.“

„Alte Leute sehen schon mal komische Dinge, das kennen wir. Aber wir haben auch Augen im Kopf, und was wir gesehen haben, ist eindeutig.

Hannes hatte diese seltsame polizeiliche Ermittlungsarbeit eher aus dem Abseits beobachtet. Sein Wohlbefinden hatte die beiden Polizisten bislang wenig interessiert. In seinem Kopf brummte es noch ein wenig, aber er war voll da und seine Gehirnzellen funktionierten. Jetzt musste er eingreifen.

„Moment“, meldete sich der bis dahin schweigsame Nikolaus nun zu Wort, „ich denke, ich habe dazu auch etwas zu sagen. – Ich wollte mir noch etwas zu Essen holen, als mich diese drei Typen ohne Grund angegriffen haben. Sie haben auf mich eingeschlagen, bis ich am Boden lag und dann auf mich eingetreten. Wenn dieser Mann“, und damit nahm er Mustafa in den Arm, „nicht eingegriffen hätte, könnte ich mit Sicherheit jetzt nicht mir Ihnen reden. Diese Tatsache sollten Sie zur Kenntnis nehmen.“

„Was wir zur Kenntnis nehmen und was nicht, ist ja wohl unsere Sache“, gab der männliche Polizist schnippisch zurück. „Und was wir gesehen haben, reicht, um diesen Herrn Mustafa aus Aleppo erst einmal mit aufs Revier zu nehmen.“

Jetzt war Hannes richtig sauer. Wieder dauerte es seine Zeit, bis er unter der Nikolauskutte an seine Brieftasche kam, aber dann hatte er sie in der Hand, zog daraus eine Visitenkarte hervor und hielt sie dem schnöseligen Uniformierten unter die Nase. Dieser las: Johannes von Rödern, Staatsanwalt, Adresse, Telefon. Seine Gesichtszüge froren ein.

„Oh, das tut mir leid, Herr Staatsanwalt. Es konnte ja niemand ahnen, dass…“

„Nein, das konnten Sie nicht“, schnitt Hannes ihm das Wort ab. „Aber ein wenig mehr Augenmaß und Neutralität in der Beurteilung einer kritischen Situation darf man von einem uniformierten Polizisten schon erwarten. Ich sehe das jedenfalls so und ich bitte Sie beide, mir Ihre Dienstnummer zu geben.“

„Ich bitte Sie, Herr von Rödern“, versuchte nun die Polizistin mit weiblichem Charme, die Situation zu entschärfen. „Wir können uns doch alle einmal irren. Das ist doch nicht gegen Sie gerichtet.“

„Nein, gegen mich bestimmt nicht“, konterte der Nikolaus, „daran zweifle ich nicht, aber gegen den Mann, der mir vermutlich das Leben gerettet hat. – Wenn ich jetzt der Busfahrer oder Krankenpfleger Alfons Müller wäre und keine Visitenkarte bei mir hätte, auf der ‚Staatsanwalt’ steht, dann würden Sie diesen armen Kerl, der mutig Zivilcourage gezeigt hat, erst einmal einsperren und er hätte größte Mühe zu beweisen, dass er nicht der Angreifer war, sondern nur Hilfe leisten wollte. Die drei würden natürlich auch gegen ihn aussagen und mit Ihrer Unterstützung stünde es vor Gericht fünf gegen einen. Da hätte Herr Kamali aber ganz schlechte Karten. Ich kenne solche Fälle nur allzu gut und sie widern mich an. – Also bitte Ihre Dienstnummern. Ich werde eine Dienstaufsichtsbeschwerde und ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung gegen Sie beide einleiten. Dann dürfen Sie sich jetzt schon Gedanken machen, wie das mir Ihrer Pension eines Tages einmal aussehen wird.“ – Betroffene Mienen bei den beiden Polizisten.

Mittlerweile waren die Sanitäter auf dem U-Bahnhof angekommen. Sofort kümmerten sie sich um die drei wimmernd am Boden liegenden Schläger.

„Und was ist mit Ihnen“, fragte einer der Helfer, die Kratzer und Schürfwunden auf Hannes’ Gesicht und dessen geschwollene Nase, die wenigstens aufgehört hatte zu bluten, sorgenvoll betrachtend. „Sollen wir Sie nicht auch lieber ins Krankenhaus bringen? Vielleicht haben Sie eine Gehirnerschütterung oder innere Verletzungen. Damit ist nicht zu spaßen.“

„Nein, nein, das ist nicht nötig“, gab Hannes mit fester Stimme zurück. „Mir geht es gut. Mein Kopf brummt schon fast gar nicht mehr, mit meinen Innereien ist auch alles in Ordnung und die paar Schrammen überstehe ich ohne Probleme. Außerdem habe ich noch einen Job zu machen. Zwei liebenswerte Kinder warten ungeduldig auf den Nikolaus. Darf man sie enttäuschen?“

„Ja, aber man weiß ja nicht“, brachte einer der Sanitäter zögerlich hervor, „es ist doch nur zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

„Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung. Ich will nur wissen, wie das Ganze hier weitergeht und was mit Mustafa passiert“, fragte er an den schnöseligen Polizisten gewandt.

„Na ja,“ antwortete dieser genervt, „Wir lassen ihn laufen und vergessen einfach, was wir gesehen haben.“

„Nein, so einfach geht es nicht“, fuhr Hannes dazwischen. „Sie nehmen die Personalien der drei Halbstarken auf und protokollieren meine Anzeige gegen sie. Herr Mustafa, die beiden Augenzeugen und ich werden in der Verhandlung mit unseren Aussagen dafür sorgen, dass diese rücksichtslosen Gesellen Gelegenheit bekommen, wenigstens für ein paar Monate in der Gefängniszelle über ihre Gemeinheiten nachzudenken.“

Der Polizisten sahen ein, dass er gegen den Staatsanwalt im Nikolauskostüm nicht ankommen konnte und begannen, die Personalien der Täter und der Zeugen aufzunehmen.

„Wo bringt Ihr sie hin?“, fragte Hannes einen der Notärzte.

„Westend“, antwortete dieser knapp. „Die nächstgelegene Klinik mit einer guten Notaufnahme.“

„Gut, ich werde mich dort morgen früh erkundigen. Sollte ich die Auskunft erhalten, dass man die Drei wieder hat laufen lassen, haben Sie beide“ – und damit wandte er sich an die Polizisten, die ihre Pflichtarbeit inzwischen erledigt hatten – „ein richtiges Problem, das verspreche ich.“

„Aber Sie dürfen diesen Fall als Staatsanwalt doch gar nicht verfolgen. Sie sind Betroffener“, warf die besonders schlaue Polizistin naseweis ein.

„Das ist wohl wahr“, gab Hannes lächelnd zurück, „die Anklage wird ein geschätzter Kollege übernehmen, aber erkundigen darf ich mich jederzeit.“

Wieder sah er auf seine Armbanduhr. „Verflixt nochmal, jetzt muss ich mich aber wirklich sputen. Die Kinder werden schon ungeduldig sein.“

„Wo müssen Sie denn hin?“, fragte Mustafa, der syrische Ingenieur mit deutschem Pass.

„In die Platanenallee.“

„Ach, das ist ja in meine Richtung. Kommen Sie, mein Wagen steht draußen auf dem Parkplatz. Ich bringe Sie hin.“

„Oh nein, das kann ich nicht annehmen. Sie haben schon so viel für mich getan“, wehrte Hannes beschämt ab.

„Ich bitte Sie“, gab Mustafa bescheiden zurück. „Das machen wir doch gern und erwartungsfrohe Kinder darf man nicht enttäuschen, nicht wahr Aija?“ Das Mädchen nickte zustimmen und hüpfte auf ihren Vater zu, um auf den Arm genommen zu werden.

Hannes nahm seinen Jutesack und wandte sich an Mustafas Seite dem Ausgang zu.

„Die Gestalt des Nikolaus’, der den braven Kindern Geschenke bringt, gibt es in unserer Religion ja nicht“, stellte Mustafa traurig fest, als sie aus dem Bahnhof hinaus auf die verschneite Straße traten. „Eigentlich schade.“

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