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Amelies Wasserkessel

Von Hubert von Brunn

Amelie war durchnässt und durchgefroren. Entsprechend schlecht war ihre Stimmung. Wie sehr hatte sie sich über einen gemütlichen Bummel über den Weihnachtsmarkt gefreut. Doch der unaufhörliche, vom heftigen Nordwind in nahezu wagrechte Bahnen gelenkte Nieselregen war einfach nicht dazu angetan, weihnachtliche Stimmung aufkommen zu lassen. Weder der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln, noch der festliche Lichterglanz, der den schmucken Buden des Marktes Glanz verlieh, konnten daran etwas ändern.

Nach einem kurzen Rundgang hatte Amelie genug. Der dritte Advent stand bevor, und ein wenig Schnee, der bei ein, zwei Grad minus leise vom Himmel rieselt, wäre doch nicht zu viel verlangt. Aber nein, es musste herumsauen und jegliche Lust auf Weihnachten vermiesen. Enttäuscht vergrub sie ihre Hände in die Manteltaschen und machte sich auf den Heimweg. Mit gesenktem Haupt, nicht links nicht rechts schauend, schob sie sich durch die Menschenmassen.

Was machen diese Irren eigentlich alle hier? Haben die kein Zuhause, bei diesem Sauwetter? grübelte Amelie über jenen unbegreiflichen menschlichen Herdentrieb nach, der die Leute regelmäßig an Orte treibt, an denen sie eigentlich gar nicht sein wollen, dem aber auch nicht fern bleiben können, weil ja alle anderen auch da sind, als sich ihr ein Mann in den Weg stellte. Sie erschrak, blickte kurz auf, und wandte sich zur Seite, um diesem Hindernis stillschweigend aus dem Weg zu gehen. Doch der Mann war schneller. Mit ein paar seitlichen Schritten rückwärts stand er wieder vor ihr.

„Was wollen Sie“? herrschte Amelie ihn an. „Lassen Sie mich vorbei!“

„Aber nicht doch, junge Frau, haben Sie keine Angst. Ich tue Ihnen nichts. Ich will Ihnen etwas schenken.“

Während er das sagte, hielt er Amelie mit seiner Rechten ein kleines Tütchen vors Gesicht. Amelie nahm es mit einem flüchtigen Blick zur Kenntnis. Was ihre Aufmerksamkeit viel mehr erregte, war die Machart der Handschuhe, die der Mann trug: aus grober Wolle gestrickt, die Finger bis zum zweiten Glied, das letzte Glied mit den Fingerspitzen nach vorne offen. Spontan dachte Amelie an die Gassenjungs bei Charles Dickens. Sie trugen auch solche Handschuhe, um mit dem nötigen Fingerspitzengefühl anderen Leuten das Portemonnaie aus der Tasche ziehen zu können. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.

„Hier, das ist für Sie“, sagte der Mann mit gleichmäßig ruhiger Stimme, „ich will es Ihnen schenken. Ein wunderbarer Weihnachtstee mit Früchten. Sehr aromatisch und sinnlich. Oder bevorzugen Sie grünen Tee, leicht und bekömmlich. Jasmin mit einem Hauch von Vanille und Orange.“ Damit hob er seine linke Hand und präsentierte ein weiteres kleines Tütchen.

Amelie wollte nur weg, ganz schnell weg von dieser dunklen Gestalt. Der Mann war ihr unheimlich. Seine vor Sanftheit triefende Stimme, der stechende Blick seiner dunklen Augen, diese unsäglichen Handschuhe… Charles-Dickens-Figuren waren ihr suspekt, auch wenn sie nicht klauten, sondern Geschenke verteilten.

„Danke, ich nehm’ das hier“, stieß sie atemlos hervor, griff hastig nach dem Tütchen mit dem Jasmintee und machte einen großen Schritt zur Seite, um sich von dem vorüberziehenden Menschenstrom einfangen und mitreißen zu lassen. Nach einigen Metern blickte sie sich ängstlich prüfend um. Nein, die dunkle Gestalt folgte ihr nicht. Im hellen Schein der Lichterketten wäre er leicht zu identifizieren gewesen, doch es war nichts mehr von ihm zu sehen. Sie war befreit.

Auf dem Heimweg – es waren nur zwanzig Minuten zu Fuß, doch bei peitschendem Regen können zwanzig Minuten zur Ewigkeit werden – dachte sie über diese seltsame Begegnung nach. Was wollte der Mann von Ihr? – Eigentlich nichts. Jedenfalls nichts, worüber man sich aufregen müsste. Er wollte ihr nur etwas schenken. Zu Weihnachten beschenken sich die Menschen, das ist nichts Ungewöhnliches. Aber irgendein Wildfremder? Na ja, wer weiß, vielleicht war es ihm einfach ein Bedürfnis, einen anderen Menschen, der ihm sympathisch erschien zu beschenken. Und da er selbst nicht viel hatte – einen vermögenden Eindruck machte er wirklich nicht – verschenkte er einfach kleine Teebeutel. So herum betrachtet, eine sympathische Idee. Hatte sie dem Mann Unrecht getan mit ihrer Ablehnung? Nur weil er etwas abgerissen aussah, etwas seltsam sprach und einen bohrenden Blick hatte? Wahrscheinlich konnte er weder für das eine noch für das andere etwas. Er war so, wie er war und tat, was er zu tun für richtig hielt. Hatte sie ein Recht, ihn deshalb zu verurteilen?

Die Gedanken um den Mann kreisten in ihrem Kopf. Weder Wegstecke noch Regen nahm sie wahr, so dass sie erstaunt aufsah, als sie an dem hell erleuchteten Schaufenster der Drogerie vorbei kam, das die Abzweigung vom Boulevard in ihre Straße markierte. Wenige Meter noch und sie stand vor ihrer Haustüre. Jetzt spürte sie auch den Regen wieder und ärgerte sich ein weiteres Mal, keinen Regenschirm mitgenommen zu haben. Egal, dacht sie, während sie den Schlüssel im Schloss drehte, endlich bin ich zu Hause und die Welt da draußen geht mich nichts mehr an.



In ihrer Wohnung angekommen, zog sie sich sofort aus, ging ins Bad und nahm eine heiße Dusche. Oh ja, das tat gut. Das Frösteln in ihrem Körper verschwand, und wohlige Wärme machte sich breit. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, streifte sie ihren flauschigen Frottee-Bademantel über und schlüpfte in ihre Plüschpantoffeln. Wie schön, dass ich alleine lebe und ungeniert so unmöglich herumlaufen kann, dachte sie und lächelte zufrieden. Einen Moment lang blieb sie unschlüssig in der Mitte der Küche stehen. Außen herum war es ihr schon warm geworden, dafür haben die heiße Dusche und der kuschelige Bademantel gesorgt. Aber von innen heraus war ihr immer noch kalt. Ein schöner heißer Tee, ja, das würde ihr jetzt gut tun.

Amelie war leidenschaftliche Teetrinkerin und achtete sorgsam darauf, stets eine reichliche Auswahl unterschiedlichster Teesorten verfügbar zu haben, derer sie sich je nach Stimmung, Lust und Laune bedienen konnte. An Tees herrschte wirklich kein Mangel in ihrem Haushalt. Doch wie von magischer Hand geleitet, ging sie hinüber zur Garderobe im Flur und fischte aus der Tasche ihres durchweichten Mantels das Tütchen, das sie jener dunklen Gestalt auf dem Weihnachtsmarkt aus der Hand genommen hatte. ‚Jasmintee’, stand da, ‚aromatisiert mit Vanille und Orange’. Nicht schlecht, dachte sie, schmackhaft und belebend, aber nicht aufregend. Gerade recht zu dieser Stunde. Die Tatsache, dass dieser Teebeutel das Geschenk eines seltsamen, furchteinflößenden Mannes war, hatte sie längst zu dessen Gunsten bewältigt: Dieser Mensch wollte mir nur etwas Gutes tun, aber ich dumme Zicke bin schon so verbildet, dass ich das nicht mehr erkenne. Ich werde mich seiner freundlichen Geste würdig erweisen, indem ich das Geschenk dankbar annehme und seine Tee mit Genuss trinke.

Sie nahm den Wasserkessel, weiß emaillierten, mit blauen Umrandungen und einigen dunklen Flecken, an denen die Emaille abgesprungen war, vom Herd, füllte Wasser ein, stellte ihn auf die Herdplatte links unten und drehte den zugehörigen Schalter auf volle Leistung. Sie liebte dieses altmodische Teil, das sie vor vielen Jahren ihrer Großmutter abgeluchst hatte. Um den Preis, der alten Dame einen neuen, sehr modernen Wasserkessel im Gegenzug zu überlassen. Ein echtes Designerteil und sündhaft teuer. Doch das war es ihr wert. Mit dem alten Pot hatte sie ihre geliebte Großmutter in gewisser Weise stets in unmittelbarer Nähe. Umso wertvoller wurde ihr das gute Stück nach dem Tod der alten Frau. Niemals in ihrem Leben würde sie sich von diesem Emaillekessel trennen.

Gut gelaunt zündete sie sich eine Zigarette an und überlegte, was noch fehlte. – Musik, natürlich! Ein gelungener Abend zu Hause ohne klassische Musik war überhaupt nicht denkbar. Beschwingt schlurfte sie hinüber ins Wohnzimmer, rief die Stereoanlage ins Leben und legte eine CD mit romantischen Klavierstücken auf. Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Liszt… Sie mochte die Unterschiedlichkeit in Stil und Interpretation der jeweiligen Ausschnitte auf einer CD. Das verlangte weniger Konzentration als das Hören eines kompletten Klavierkonzerts eines einzigen Komponisten. Jetzt war ihr nicht nach Konzentration zumute. Jetzt wollte sie nur gut unterhalten und in ihrer aufkommenden guten Stimmung unterstützt werden. Mozart machte den Anfang, und Amelie schwebte beglückt zurück zur Küche.

Dort angekommen geriet sie in irritiertes Staunen. Die Herdplatte unten links, die sie vor wenigen Minuten eingeschaltet hatte, strahlte ihr rot glühend entgegen, der Wasserpot indes stand auf der kalten Herdplatte unten rechts. Wie konnte das sein? Sie hatte die Herdplatte eingeschaltet, auf der auch der Kessel stand. Sie war sich sicher. Oder doch nicht? Hatte sie die Begegnung mit dem Handschuhmann doch mehr durcheinander gebracht, als sie wahrhaben wollte? Wahrscheinlich, es konnte gar nicht anders sein. Sie hat die linke Herdplatte aufgedreht, den Pot aber auf der rechten stehen lassen. Nun gut, dachte sie, dann nehmen wir eben diese, schaltete die Herdplatte links unten aus und die rechts daneben an.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich vor den Herd setzen und den Wasserkessel bewachen sollte. Diesen Gedanken verwarf sie jedoch schnell als kindisch und lächerlich und entschloss sich stattdessen, ins Bad zu gehen und sich abzuschminken. Eine Sache von wenigen Minuten, die aber doch getan werden musste. Als sie aus dem Bad in die Küche zurückkam, glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen.

Jetzt glühte ihr die Herdplatte rechts unten entgegen, der Wasserkessel indes stand rechts oben. ‚Was soll denn das’? sagte sie halblaut. ‚Bin ich jetzt völlig meschugge?’ Manchmal, das wusste Amelie, neigte sie dazu, sich obskuren Phantasien hinzugeben und Banalitäten eine Bedeutung beizumessen, die sie bei objektiver Betrachtung nie und nimmer verdienten. Sie war anfällig für Merkwürdigkeiten und hatte durchaus ein Faible für das Schräge und vordergründig Unerklärliche. Wo andere Menschen verständnislos mit dem Zeigefinger an die Stirn tippten, bekam sie glänzende Augen. Im günstigsten Falle hielt man sie deswegen für exzentrisch, meist aber schlicht für plemplem. Das war verletzend und die Tatsache, dass darüber auch manche Freundschaft zu Bruch gegangen war, höchst betrüblich, letztlich aber nicht zu ändern.

Das hier allerdings, die Sache mit dem Herd, war auch für sie in höchstem Maße verunsichernd. Was sollte sie davon halten? Wie war so etwas möglich? Argwöhnisch und mit spitzen Fingern schaltete sie die rechte unter Herdplatte aus und jene rechts oben, auf der der Kessel jetzt stand, an. Einen Versuch wollte sie sich, dem Herd und Omas Emaillepot noch geben. Es kann einfach nicht sein, dass es ihr nicht gelingen sollte, Wasser auf ihrem Herd zu erhitzen, um sich damit einen Tee zu brühen. Das ist das Banalste von der Welt, das habe ich tausend Mal getan, und ich sehe nicht ein, weshalb das heute Abend nicht funktionieren sollte.

Während diese Gedanken sie bewegten, hole sie aus dem Hängeschrank über dem Herd eine große Keramiktasse, nahm den Teebeutel aus der Papierumhüllung heraus und legte ihn sorgsam in das Gefäß, so dass die Schnur mit dem Papierschnipsel am Ende über den Rand hing. Irgendwie war sich Amelie jetzt ihrer Sache ganz sicher.

Als sie sich jetzt, die Tasse mit dem Teebeutel in der Hand, umdrehte und den Herd in den Blick bekam, stieß sie einen spitzen Schrei aus. Die Tasse entglitt ihren Händen und zersprang auf den Küchenfliesen in tausend Stücke.

„O mein Gott“, rief Amelie laut aus, „das darf nicht wahr sein.“ Erneut hatte sich der Wasserpot in Bewegung gesetzt und stand nun auf oben links, während oben rechts rot glühte.

„Ich glaube es nicht, ich glaube es einfach nicht“, stieß sie immer wieder hervor und starrte den Herd an. Irgendwann löste sie sich aus ihrer Fassungslosigkeit und schaltete mit einer schnellen Bewegung, so, als könnte es gefährlich sein, den Herd zu berühren, die Herdplatte rechts oben aus.

„OK“, sagte sie erleichtert, „das war’s. Jetzt könnt ihr blöden Gegenstände mir nichts mehr antun. Ich brauche euch nicht mehr. Ich will auch keinen Tee mehr trinken. Ich habe noch eine Flasche Bordeaux in Vorrat. Die werde ich aufmachen und so lange trinken, bis ich müde bin und beruhigt zu Bett gehen kann. Ich habe keine Lust, mich von einem ollen Wasserpot und einem verrückt gewordenen Herd tyrannisieren zu lassen.“

Sprach’s, entkorkte besagte Flasche Rotwein und goss von diesem wunderbar fruchtigen Rebensaft, dunkelrot wie Ochsenblut und einen betörenden Duft verströmend, in ein dickbauchiges Glas. Der erste Schluck war gierig, was überhaupt nicht ihre Art entsprach, und ehe sie sich’s versah, war das erste Glas geleert. Schon spürte Amelie, die ganz selten Wein trank, die ersten Umdrehungen, die der schwere, süffige Wein in ihrem Hirn verursachte. Schnell schenkte sie nach und trank weiter. Heute wollte sie betrunken werden. Eine innere Stimme befahl ihr, weiter zu trinken, und es machte ihr Freude, dieser Stimme zu gehorchen.

Endlich war es soweit. Zwei Drittel der Flasche waren geleert und Amelie hatte erreicht, was sie wollte: gleichgültige Müdigkeit und unbedingte Bettschwere. Sie stolperte ins Schlafzimmer, warf den Bademantel von sich und fiel ins Bett. Minuten später kündete ein gleichmäßiges Röcheln von tiefem Schlaf, den weder Herd noch Wasserkessel hätten stören können.



Amelie schlief, und irgendwann stellten sich Träume ein, wirre, chaotische Träume, die sich im späteren Tiefschlaf verloren. Ein Traum allerdings war klar und eindeutig. Sie besuchte ihre Großmutter, jetzt als erwachsene Frau, obwohl Oma Else vor fast 20 Jahren gestorben war. Damals war Amelie noch ein Teenager, und nicht alles, was die alte Dame ihr sagte, wollte sie hören, und nicht alles verstand sie. Was jedoch vollkommen außer Frage stand, war die Liebe, die sie für diese weise, gutmütige, durch und durch liebenswürdige Frau empfand.

Jetzt öffnete sie das quietschende, hüfthohe Gartentürchen zu Oma Elses bescheidenem Anwesen. Ein kleines Häuschen mit einem liebevoll gepflegten, von geschmackvoll angelegten Blumenrabatten umsäumten Gemüsegärtchen davor. Großmutter stand auf der Schwelle ihrer Hautüre und schwenkte aufgeregt ihre dünnen Arme. „Mein Gott, du bist es! Wie schön, dass du mich wieder einmal besuchst. Wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen? – Komm her, mein Kind, lass dich in die Arme nehmen.“

Inzwischen war Amelie bei Oma Else angekommen und ließ sich bereitwillig umarmen und knuddeln. Was für ein wunderbares Gefühl, die vorbehaltlose Liebe dieser Frau zu spüren.

„Ja, ich freue mich auch, wieder bei dir zu sein“, brachte Amelie mit tränenerstickter Stimme hervor. „Wie geht es dir, Oma?“

„Oh, mir geht es phantastisch“, sagte die Alte vergnügt. „Du weißt doch, hier kann mir nichts passieren.“ Dann drückte sie Amelie sanft von sich weg und gab ihr einen strengen Blick.

„Aber du machst mir Sorgen, Kleines. Wie kannst du mir nur eine solche Angst einjagen? Beinahe hätte ich es nicht geschafft. Weil du ja auch so hartnäckig bist. Aber na ja, es ist ja Gott sei Dank noch einmal gut gegangen.“

Amelie sah ihre Großmutter verständnislos an. „Ich weiß nicht, was du meinst, Oma Else. Was ist noch mal gut gegangen?“

„Na was wohl? Die Sache mit dem Tee. – Wie kannst du nur so dumm sein und von so einem Kerl ein Geschenk annehmen?“

„Aber Oma, der Mann hat es doch nur gut gemeint. Es ist kurz vor Weihnachten, und er wollte mir ein Geschenk machen. Was ist daran so verwerflich?“

„Eben dieses Geschenk, meine liebste Amelie. Nicht alles, was wie ein wohlmeinendes Geschenk aussieht, ist zu deinem Besten. Denke beim nächsten Mal daran. Ja? Tust du mir den Gefallen?“

Amelie wollte noch etwas sagen, doch in dem Moment öffnete sie die Augen. Sie war wach und Oma Else war weg. Tot, hingegangen vor langer Zeit.

Ein Blick auf die Uhr machte ihr deutlich, dass es durchaus Zeit war aufzustehen. Auch wenn es Sonntag war und keine Pflicht sie rief – gegen Mittag konnte man durchaus das Bett verlassen, auch wenn es draußen nicht nach Mittag aussah. Ein trüber, grauer, verregneter Tag, an dem es niemals hell werden würde, und man niemand verübeln könnte, an einem solchen Tag das Bett überhaupt nicht zu verlassen.

 

Amelie stand dennoch auf. Der Traum mit ihrer Großmutter hatte sie sehr berührt und verwirrt zugleich. Was wollte die alte Frau ihr sagen? Was hatte sie gemeint? Immerhin, sie hatte sie konkret auf den Tee angesprochen, den der seltsame Mann ihr geschenkt hatte. Aber wie konnte sie das wissen? Sie war doch unter der Erde, tot seit 20 Jahren? Zögernd, beinahe ängstlich näherte sie sich der Küche und spähte um die Ecke. Es war alles gut, kein Problem. Der Herd war aus, der Wasserpot stand immer noch oben rechts und die Scherben der Tasse lagen unberührt auf dem Boden, der Teebeutel mitten drin.

So gerne Amelie Tee trank, morgens brauchte sie zum Aufwachen ihren Kaffee, und zwar möglichst stark. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die Kaffeemaschine vorbereitet und in Aktion gesetzt. Der Duft des Kaffees erfüllte bereits den Raum, in wenigen Minuten würde sie dieses wunderbare Aroma nicht nur riechen, sondern auch schmecken dürfen.

Im Badezimmer ein kurzer Blick in den Spiegel, die Haare zurechtgezupft, den Bademantel übergeworfen. Sonntags hatte Amelie keine Rolle zu spielen, und es machte ihr auch nichts aus, wenn die Nachbarn oder irgendwelche Besucher derselben sie ungeschminkt und im Bademantel im Hausflur sehen sollten. Also griff sie sich den Wohnungsschlüssel, schlüpfte aus der Tür und huschte die zwei Treppenabsätze hinunter zum Briefkasten, um die Sonntagszeitung herauszunehmen.

Natürlich öffnete sich genau in dem Moment die Haustüre, und eine fröhliche Familie mit Mama, Papa und drei lärmenden Kindern kam ins Haus. Den viel sagenden Blick des Mannes ebenso wie die abschätzige Musterung der Frau ignorierend, schenkte Amelie den Besuchern ein flüchtiges „Guten Morgen“ und eilte barfuss, die Zeitung unter dem Arm, schnellen Schrittes die Treppe hoch. Tür zu, gerettet! Es machte ihr, wie gesagt, nichts aus, in dieser nicht eben gesellschaftsfähigen Aufmachung, gesehen zu werden. Aber mussten die ausgerechnet in diesem Moment erscheinen? Sie schüttelte den Kopf. Sollte wohl so sein. Auch egal.

Die Kaffeemaschine hatte ihr Werk getan und Amelie konnte sich nun mit einer Tasse dieses herrlichen Getränks beglücken. Auf Frühstück würde sie im Augenblick verzichten. Kaffee, Zigarette, die Zeitung, klassische Musik und viel, viel Zeit – das war Sonntag. Sie setzte sich an den Küchentisch und genoss den ersten heißen Schluck. Aah, wunderbar. Die Zigarette brannte, Klassik-Radio spielte Beethoven, und Amelie entfaltete die Sonntagszeitung. Sie überflog die Schlagzeilen und blieb dann auf einer kleinen Meldung auf Seite 1 hängen:

„Geistesgestörter verteilt vergiftete Teebeutel.

Gestern hat die Polizei auf dem Weihnachtsmarkt einen Mann festgenommen, der an Passantinnen vergiftete Teebeutel verteilte. Der offensichtlich geistig verwirrte Mann war einer Polizeistreife aufgefallen, als er mit einer Frau in Streit geriet, die sein Geschenk nicht annehmen wollte.

Bei der Überprüfung der Personalien des Mannes stellte sich heraus, dass es sich um den gesuchten Matthias B. handelt, der vor zwei Tagen von seiner Freundin verlassen wurde und daraufhin in einem Bekennerschreiben gedroht hat, allen Frauen, die Ähnlichkeit mit ihr haben, eine Lektion erteilen zu wollen. Bei der Vernehmung gestand der Mann, die Teebeutel mit Hilfe einer Spritze mit Arsen vergiftet zu haben. Die meisten Frauen, denen er einen Teebeutel anbot, hätten sein Geschenk jedoch nicht haben wollen und ihn einfach stehen lassen. Nur zwei Frauen, die so aussehen wie seine Freundin, hätten einen Teebeutel mitgenommen. Die Polizei rät diesen Frauen dringend, diesen Tee nicht zu trinken.“

Amelie drückte ihre Zigarette aus, holte Handfeger und Schippe aus dem Besenschrank, kehrte die Scherben der Tasse mit Teebeutel vom Küchenboden auf und kippte alles in den Mülleimer. „Danke Oma Else“, sagte sie. Dann fiel sie in Ohnmacht.

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