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„Tag der Pressefreiheit“: Der Journalistenberuf birgt viele Gefahren und Tücken

Von Hubert von Brunn

Heute ist der „Tag der Pressefreiheit“ – Anlass genug, einmal die Arbeitsbedingungen der eigenen Zunft einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Viele Kollegen leben sehr gefährlich. Fraglos all jene, die sich – ohne in eine Armee „embeded“ zu sein – auf eigenes Risiko in Kriegsgebiete vorwagen. Manchmal reicht es aber auch schon, in einem Land zu leben und seinem Beruf nachzugehen, in dem ein Präsident, ein König, eine herrschende Kaste sehr eigenwillige Vorstellungen von „Pressefreiheit“ entwickelt haben – und man verliert seinen Job oder landet im Gefängnis. Signifikantes Beispiel: die Türkei.

Seit dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 hat Staatspräsident Erdogan mehr als 150 regierungskritische Medienvertreter einsperren lassen, Tausende mussten von einen Tag auf den anderen ihre Schreibtische räumen und wurden durch willfährige Jasager ersetzt, Hunderte von Redaktionen, Verlagen und Sendeanstalten wurden geschlossen. Eine freie und unabhängige Berichterstattung ist aus diesem Land kaum noch möglich. All jenen, die trotz aller Risiken für sich und ihre Familien ihren Beruf auch als Berufung verstehen und – so gut es eben geht – die Welt weiterhin mit Informationen versorgen, die in den gleichgeschalteten Regierungsmedien unterdrückt werden, gebührt mein ganzer Respekt.

Erdogan ist entschlossen, seine „Säuberungen“ fortzusetzen

Anzeigenkampagne des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) zum „Tag der Pressefreiheit. Erstgemeinter Appell, auch Andersdenkende zu Wort kommen zu lassen oder bloß schönfärbendes Lippenbekenntnis?

Sie leisten ihre Arbeit nicht zuletzt auch im Interesse der modernen, aufgeklärten Stadtbewohner, die bei dem Referendum Mitte April mehrheitlich mit „Nein“ gestimmt haben. Und sie tun es aus Solidarität mit all jenen aus anderen Berufsgruppen, die ein ähnliches Schicksal zu erleiden haben. Immerhin wurden seit der versuchten Machtübernahme in der Türkei mehr als 40.000 Menschen verhaftet. Zudem wurden 120.000 Beschäftigte – unter anderem des öffentlichen Dienstes, der Justiz, der Polizei und des Militärs – entlassen oder suspendiert. Auch 18 Deutsche sind seit dem Putschversuch in der Türkei inhaftiert worden, mindestens 17 Personen werden an der Ausreise gehindert. Und es geht weiter: Erst in der vergangenen Woche wurde von der Verhaftung von mehr als 1.100 Beamten (angebliche Unterstützer der Gülen-Bewegung) berichtet. Die Zeitung „Hürriyet“ will gar von weiteren rd. 7.000 bestehenden Haftbefehlen wissen. Dabei bedient sich der Kalif von Ankara ganz offen der Terminologie jener, in deren Nachfolge zu stehen, er die Deutschen bezichtigt, und spricht von „Säuberungen“. Herr Goebbels lässt grüßen.

In der von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) vor wenigen Tagen veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit in 180 Staaten ist die Türkei um weitere vier Plätze abgerutscht und belegt jetzt Rang 155! Aber auch in Demokratien hat ROG Defizite unterschiedlichster Art identifiziert und entsprechend mäßige Noten vergeben. So liegen beispielsweise die USA auf Rang 43 (-2), Polen auf Rang 54 (-7), Ungarn auf Rang 71 (-4); das unrühmliche Dreigestirn am Ende bilden Turkmenistan, Eritrea und Nordkorea. Deutschland konnte Platz 16 behaupten und gehört damit zu der kleinen Gruppe von Staaten, in denen die RGO die Lage grundsätzlich als „gut“ einstufen. An der Spitze liegen übrigens die vier Skandinavier, die Niederlande und auf Rang 6 (!) Costa Rica.

In Deutschland funktioniert die Zensur mit subtilen Mitteln

Wir deutsche Journalisten haben in der Tat keine körperlichen Repressalien oder gar Verhaftungen zu befürchten, wenn wir kritische Beiträge veröffentlichen, die den Regierenden nicht gefallen. So richtig „sauber“ stehen wir in Sachen Pressefreiheit aber auch nicht da. „Zensur findet nicht statt“, heißt es im Grundgesetz. Schon richtig, nicht so, wie das im Kaiserreich, bei den Nazis und in der DDR gehandhabt wurde. Die Zensur hierzulande wird heutzutage sehr viel subtiler ausgeübt – qua redaktioneller Leitlinien und Redaktionsstatute, die jeder Redakteur zusammen mit seinem Arbeitsvertrag unterschreiben muss. Diese Rahmenbedingungen legen fest, ob, in welcher Form und mit welchem Kommentar versehen über bestimme brisante Themen berichtet wird. Wer seinen Job – zumal in verantwortlicher Position – behalten will, tut gut daran, diesen vorgegebenen Rahmen zu respektieren. Bei Verstößen dagegen droht die Abmahnung – im Zweifelsfalle auch die Entlassung. Wer will das schon riskieren.

Es gibt also durchaus Gründe, weshalb Deutschland über Platz 16 in dem internationalen Ranking nicht hinauskommt. Wer es, wie wir – dem Internet sei Dank – mit unserem Online-Portal anderweltonline geschafft hat, finanziell unabhängig und ohne jegliche Einflussnahme von außen so schreiben zu können wie wir es für richtig halten, der darf sich glücklich schätzen. Gleichwohl ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, und ich kann mir eine gewisse Kollegen-Schelte nicht ersparen. Weil wir eben nicht „etabliert“ sind, wir nicht zum Mainstream gehören, werden unsere journalistischen Beiträge und unsere Buchveröffentlichungen sowohl von den Politikern, als auch von den „großen“ Medien konsequent ignoriert. Man betrachte nur die Gästeliste der renommierten politischen Talkshows: Immer wieder die gleichen Gesichter mit ihren hinreichend bekannten Meinungen und vorgestanzten Sätzen. Querdenker, die möglicherweise eine provozierend andere Haltung vertreten könnten, bleiben außen vor. Das macht es den Moderatoren und Moderatorinnen leicht und das Publikum langweilt sich. Totschweigen und Weglassen sind auch Formen der Zensur und diese Ignoranz wird dem hohen Gut der Meinungs- und Pressefreiheit nicht gerecht. Würden unsere Leitmedien diesbezüglich etwas mehr Mut an den Tag legen, könnte Deutschland beim ROG-Report in ein paar Jahren vielleicht unter die ersten Zehn kommen. Das ist jedenfalls mein Wunsch zum „Tag der Pressefreiheit“.

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