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Psychologische Ängste generieren das Feindbild

Von Hubert von Brunn 

Wenn man sich unvoreingenommen mit dem Phänomen PEGIDA auseinandersetzt, stößt man unweigerlich auf den Begriff der Angst. Die Anhänger dieser Protestbewegung gehen auf die Straße, um gegen eine Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren. Die Angst ist Programm und steckt schon in der Namensgebung. Hinterfragt man, was es mit der Angst vor dem Islam eigentlich auf sich hat, stößt man hauptsächlich auf Verlustängste: Arbeitsplatz, sozialer Status, Eigentum, kulturelle Identität, persönliche Freiheit – das alles könnte man verlieren, wenn noch mehr Muslime ins Land kommen. Hinzu kommt die diffuse Angst vor allem Fremden und die generelle Angst vor Veränderung.

Woher kommt das? Sprechen wir zunächst über die Angst an sich. Ursprünglich hat die Evolution dem Homo Sapiens die Fähigkeit, Angst zu empfinden, mit auf den Weg gegeben als Alarmsystem, das ihn davor schützt, sich unbedacht in Gefahrensituationen zu bringen, die ihm zum Verhängnis werden können. Eine archaische Angst also, überlebensnotwendig in einer feindlichen, konkret lebensbedrohenden Umwelt. Der Mensch des 21. Jahrhunderts muss in den hoch entwickelten Ländern in aller Regel nicht um das tägliche Überleben – im Wortsinne – kämpfen. Die archaische Angst wird also kaum noch abgefragt, ist aber als reflexives Verhaltens-Grundmuster immer noch in uns vorhanden. (Mehr zum Thema „Angst“ lesen Sie in meinem Buch „Strategie der Sieger oder Wer, wenn nicht ICH?“, S. 162 ff).

Die Fakten sprechen eine andere Sprache

Die Ängste, die uns heute plagen, sind sehr viel subtiler und entsprechend schwer ist es, ihnen zu begegnen. Von einigen Ausnahmen abgesehen, füllt sich unser Angstpotenzial aus psychologischen Ängsten, d. h. es geht nicht um eine konkrete Gefahr, sondern um eine potenzielle Gefährdung, die eintreten könnte. Es liegt in der Natur der psychologischen Ängste, dass sie in die Zukunft projiziert sind und mit der realen Situation nichts zu tun haben. Das Angstpotenzial unserer Zeit besteht überwiegend aus Verlust und Versagensängsten. Damit sind wir also wieder bei den PEGIDA-Demonstranten, und zwar nicht bei den geistigen Brandstiftern – weder bei den Rädelsführern wie Tatjana Festerling, die vom Podium aus dazu aufruft, auf Politiker, Journalisten und Andere mit der Mistgabel loszugehen, noch bei den neonazistischen Trittbrettfahrern, die ihre Springerstiefel ausführen und rechtsradikale Parolen grölen. Nein, wir sind bei den ganz normalen, unbescholtenen Bürgern der Gesellschaft, die dort mitmarschieren, um deutlich zu machen, dass sie nicht gewillt sind, auch nur einen Deut von ihrem hart erarbeiteten kleinen Wohlstand und der damit verbundenen sozialen Sicherheit abzugeben.

Eine völlig unbegründete Angst, wie sich sogleich zeigt, wenn man Fakten sprechen lässt. Arbeiten darf in Deutschland grundsätzlich nur, wer ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht hat: Nach dem verschärften Asylrecht betrifft das hauptsächlich Syrer, Iraker und Afghanen. Knapp 780.000 Personen kamen seit Anfang 2015 von dort, davon haben etwas weniger als 10.000 eine feste Stelle gefunden, rund 3.500 nahmen einen Minijob. Diese Zahlen wirken alles andere als bedrohlich, erst recht nicht, wenn man zur Kenntnis nimmt: Der Job-Markt in Deutschland derzeit boomt (43,3 Mio. Beschäftigte, so viel wie nie zuvor) und mehr als eine Million freie Stellen sind gemeldet. Allein das Handwerk sucht händeringend nach Nachwuchs, aber die deutsche Jugend hat offensichtlich wenig Neigung, früh auszustehen und sich auch noch die Hände schmutzig zu machen. Also will das Handwerk jetzt 10.000 Zuwanderer in Ausbildung nehmen. Wem nehmen diese Lehrlinge den Job weg? In der Spediteurs-Branche sieht es noch schlechter aus. Hier fehlen 15.000 Azubis pro Jahr. Auch hier sind arbeitswillige Zuwanderer mit verbrieftem Aufenthaltsrecht willkommen.

Bei Eigentumsdelikten sind Täter aus EU-Staaten ganz weit vorne

Man könnte noch mehr Zahlen anführen, die belegen, dass zumindest diese Angst, der Flüchtlinge wegen keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu bekommen, weit von der Realität entfernt ist. Sozialer Status? Eigentum? – Bei allen Fehlern, die man unserer Regierung, vorneweg der Kanzlerin, vorwerfen kann: Die Enteignung von Privateigentum zur Unterbringung von Flüchtlingen wird es nicht geben. Der Schutz der Privatsphäre (und damit auch des Privateigentums) ist von Grundgesetz garantiert und wer nicht vor hat, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen, wird dieses verbriefte Recht respektieren. Dann also die Angst vor verstärkten Eigentumsdelikten wie (Taschen-) Diebstahl, Raub, Einbruch, Autoknacken…? – Die Statistiken in den Ballungszentren – ganz extrem in Berlin – belegen, dass die Täter bei den genannten Verbrechen mit weit überwiegender Mehrheit Polen, Rumänen, Bulgaren, Tschechen, Slowenen, Slowaken… sind. Alles EU-Bürger, die die Freizügigkeit, die sich aus der Mitgliedschaft ihrer Länder in der Gemeinschaft ergibt, schamlos ausnutzen und ihr kriminelles Handwerk in organisierten Banden betreiben. Diese Auswüchse gab es, lange bevor die Völkerwanderung aus dem Nahen Osten über uns kam und sie sind nur einer nicht nachzuvollziehenden Großzügigkeit der Justiz (nicht der Polizei) geschuldet. Dagegen hätte man schon vor Jahren protestieren können/müssen.

Die Horrorszenarien der Rattenfänger

Natürlich kann es geschehen, dass die persönliche Freiheit im Einzelfall eingeschränkt wird, etwa wenn eine Turnhalle vorübergehend für Schul- und Breitensport nicht zur Verfügung steht, weil dort Flüchtlinge untergebracht werden. Das ist ärgerlich und lästig, aber im Zeichen christlicher Nächstenliebe und im Sinne des Humanismus’ doch eher eine quantité négligeable. Wenn umgekehrt ein verblödeter Schulrektor im Sommer seine Schülerinnen auffordert, keine Hotpants oder kurze Röcke mehr zu tragen, weil das sonst die männlichen Bewohner einer nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft unnötig in Aufregung versetzten könnte, dann ist das natürlich als grober Unfug abzulehnen. Die Mädchen dürfen anziehen, was sie wollen, und wer sich dadurch in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, soll bitteschön wieder dorthin gehen, wo er herkommt. Und wer meint, sich durch kriminelle Handlungen unserem Lebensgefühl widersetzen zu müssen, hat hier nichts zu suchen. Er muss für seine Tat verurteilt und dann schnellst möglich abgeschoben werden– ohne Wenn und Aber.

Grundsätzliche Einschränkungen der persönlichen Freiheit und der Verlust der kulturellen Identität sind durch die Anwesenheit der Migranten derzeit nicht gegeben. Es sind eindeutig projizierte Ängste, gerichtet auf ein Szenario, in dem auf zehn Deutsche mindestens fünf Muslime kommen, die Kirchenglocken zum Verstummen gebracht werden und stattdessen der Muezzin in aller Herrgottsfrühe seinen ohrenbetäubenden Singsang vom Minarett plärrt; in den Schulen wird auf Arabisch unterrichtet, Deutsch ist dritte Fremdsprache, Frauen und Mädchen tragen die Burka und an Stelle eines ordentlichen Gerichts sprechen ehrenwerte Clanälteste Recht. Bei Ehebruch kann dann für die Frau auch schon mal die Steinigung als Höchststrafe im Namen Allahs herauskommen. – Das sind völlig überzogene Horrorvisionen, durch nichts haltbar, von Demagogen wie Bernd Löcke aber hemmungslos eingesetzt, um die Ängste der braven Bürger zu schüren. Das sind üble Rattenfänger-Methoden, die darauf angelegt sind, diffuse Ängste zu schüren und aus diesem Angstpotenzial heraus eine amorphe Masse des Protest und des Widerstands zu kreieren, eine unreflektierte Ablehnung gegen alles und jeden, was nicht in Einklang zu bringen ist mit der Gartenzwergidylle im eigenen Vorgarten.

Der Stolz der Sachsen und irrationale Verlustängste

Damit wären wir in Sachsen angekommen. Gartenzwerge sind keine sächsische Spezialität, die gibt es andernorts in Deutschland auch zur Genüge und deren spießige Selbstgefälligkeit wird überall mit Vehemenz verteidigt. Aber warum ist ausgerechnet Sachsen zum Synonym für Xenophobie in Deutschland geworden? Geschah es vor 26 Jahren nicht in Sachsen, präzise in Leipzig, als die Menschen auf die Straße gegangen sind, um gegen das verkrustete DDR-Regime und für die Freiheit zu protestieren? Waren es nicht sie, die mit ihren Montagsdemos die Initialzündung lieferten, die letztlich die Mauer zum Einsturz gebracht hat? Eigentlich sollte doch gerade dieses renitente Völkchen, das mit seinem Mut, seiner Ausdauer und seiner unbeirrbaren Freiheitssehnsucht ganz entschieden dazu beigetragen hat, dass die Bürger der DDR das schmerzlich einschnürende Korsett von Mauer und Stacheldraht abstreifen und seitdem ein freies Leben ohne Bespitzelung, Bevormundung und Repressalien führen können, größtes Verständnis für andere Menschen haben, die nichts anderes wollen, als in Frieden und Freiheit zu leben. – Sollte man meinen, aber genau das Gegenteil ist der Fall.

In dem Bewusstsein, die treibende Kraft eines historischen Vorgangs von globalen Dimensionen gewesen zu sein, erwächst natürlicherweise auch eine ganze Portion Stolz. Das ist normal menschlich und per se nicht zu kritisieren. Kritikabel ist, wenn aus dem Stolz Selbstgerechtigkeit wird. Hinzu kommt, dass die „Schwaben des Ostens“ nach der Wende in vergleichsweise kurzer Zeit den wirtschaftlichen Aufschwung von allen neuen Bundesländern am besten geschafft haben: Ansiedlung von Industrie und Gewerbe, Schaffung von Arbeitsplätzen, Modernisierung der Infrastruktur, Wiederaufbau kaputter Innenstädte, Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards… – in all diesen Bereichen hat der Freistaat Sachsen die Nase vorn. Das ist das Problem. Den meisten Menschen geht es gut wie nie, sie haben sich diesen vergleichsweise hohen Standard erarbeitet und das Erreichte gilt es jetzt zu verteidigen – mit allen Mitteln, notfalls mit Gewalt. Jeder, der auch nur im Geringsten verdächtig ist, ein Stück von diesem Kuchen abhaben zu wollen, ist ein potenzieller Feind. Verlustängste pur, auch wenn es nicht einen einzigen Beleg dafür gibt, dass das in irgendeiner Form konkret stattgefunden hätte.

Pervertierung des Slogans „Wir sind das Volk“

„Wir sind das Volk“ haben die Leipziger 1989 bei ihren Montagsdemos skandiert und dieser trotzige Appell richtete sich gegen die selbstgefällige SED-Nomenklatura, die in Saus und Braus lebte, während das Volk mit dem allseitigen Mangel zurecht kommen musste. Ein Appell, der auf Öffnung, Selbstbestimmung und Freiheit ausgerichtet war. Wenn jetzt irgendwelche „besorgte Bürger“, eher wahrscheinlich rechtsradikale Dumpfbacken, eben diesen Slogan missbrauchen, um in Clausnitz einen Bus mit ein paar Flüchtlingen an der Weiterfahrt zu hindern, dann diskreditieren sie damit das hehre Anliegen der „Helden von Leipzig“. In Clausnitz bedeutete „Wir sind das Volk“ nämlich genau das Gegenteil: Abschottung, Bevormundung und Unfreiheit. An der Stelle äußert sich darüber hinaus die herablassende Ablehnung alles Fremden und Unbekannten gegenüber. Eine weit verbreitete deutsche Untugend, einhergehend mit einer vergleichsweise reduzierten Gastfreundschaft – besonders ausgeprägt bei Menschen, die fremde Gesellschaften und Kulturen nicht wirklich kennengelernt haben. Auf ihren Reisen, wenn überhaupt, waren sie untergebracht in abgeschotteten Luxusresorts und haben Land und Leute nur aus einem vollklimatisieren Reisebus heraus zur Kenntnis genommen. Auf einen wirklichen Abgleich der Lebensumstände vor Ort mit ihren eigenen wollten sie es nie ankommen lassen. Das festgefügte Weltbild hätte dadurch ja durcheinander geraten können.

Die sehr eingeschränkten Reisemöglichkeiten in der ehemaligen DDR haben dieses enge Weltbild natürlich nachhaltig geprägt. In den Nachkriegsjahrzehnten sind die jungen Leute im Westen quer durch Europa gereist, haben im VW-Bus Nordafrika erkundet, sind durch Indien getrampt oder haben die USA mit einem rostigen Gebrauchtwagen von New York bis Los Angeles durchquert. Das alles ist den Altersgenossen in der DDR verschlossen geblieben. Prag, Budapest, Goldstrand – viel mehr Möglichkeiten gab es nicht, und dort war alles ähnlich, wenn nicht schlechter als zuhause. Hinzu kommt, dass der DDR-Bürger ganz und gar nicht geübt war im Umgang mit Fremden. Im Grunde hat es nur zwei Gruppen von Ausländern gegeben: Vietnamesische Gastarbeiter, meist kaserniert und für sich lebend, in jedem Falle – bis auf wenige Ausnahmen – nicht in die Gesellschaft integriert. Und das russische Militär. Von Herzen gehasst und pauschale Projektionsfläche für alles, was von außen kommt und schlecht ist. Das ist – natürlich sehr verkürzt dargestellt – die Sozialisation des DDR-Menschen in Bezug auf den Umgang mit Fremden im eigenen Land.

Besinnung auf die Werte des christlichen Abendlandes

Bringen wir das nun alles zusammen, wird einleuchtend, weshalb die PEGIDA-Bewegung ausgerechnet in Sachsen so stark ist, weshalb hier mehr Flüchtlingsunterkünfte brennen als anderswo, obwohl der Anteil von Migranten hier prozentual vergleichsweise niedrig ist, warum die Angst-Propaganda hier auf so fruchtbaren Boden fällt. Die Sachsen sind gewiss keine schlechten Menschen, sie sollten sich nur an die Zeiten erinnern, als sie aufgestanden sind und ihr Leben, so wie es war, nicht mehr weiterführen wollten. Niemand im Westen hat damals ein Transparent hochgehalten, auf dem stand: „Haut ab, wir wollen Euch nicht! Verschwindet“ – Nein, Ihr wurdet herzlich umarmt und bis heute hat der Steuerzahler sehr viele Milliarden in den ehemaligen maroden Operettenstaat namens DDR gepumpt, um eure Lebensumstände nachhaltig zu verbessern. Dabei stand der Gedanke, die Deutschen von der anderen Seite „heim ins Reich“ zu holen, gewiss nicht im Vordergrund. Es ging und geht um Hilfe und um menschliche Nächstenliebe. Vielleicht gelingt es den Sachsen, sich auch wieder einmal auf diese Werte des christlichen Abendlandes zu besinnen und sie zu leben. Das ist die stärkste Waffe, um einer potenziellen Islamisierung des Abendlandes wirksam zu begegnen.

 

 

Hubert von Brunn ist der Autor des Buchs „Strategie der Sieger oder Wer, wenn nicht ICH“. ​ Dieses Buch hebt sich erfreulich ab von der Flut der selbsttherapeutischen, den Leser mit unrealistischen Versprechungen ködernden oder amerikanische Befindlichkeiten auf deutsche Lebenswirklichkeit überstülpenden Ratgeber- und Lebenshilfebücher.
​Das vorliegende Buch richtet sich an Menschen: die mitten im Leben stehen, beruflich/geschäftlich stark beansprucht sind und fühlen, dass sie Unterstützung brauchen, um den vielfältigen Belastungen des Alltags erfolgreich begegnen zu können;die erkannt haben, dass ihr Leben in eine Richtung läuft, die nicht gut tut, und grundsätzlich bereit sind für Veränderung – aber nicht wissen, wo sie ansetzen und wie sie vorgehen sollen;die in einer besonders schwierigen Lebensphase angekommen sind (Beruf & Karriere und/oder Partnerschaft & Familie und/oder persönlich Entwicklung) und sich schwer tun, diese Krise aus eigener Kraft zu bewältigen.

​Der Autor will dem Leser helfen, seinem eigenen ICH auf die Spur zu kommen, indem er ihn animiert, neugierig, offen und selbstkritisch hinter die Kulissen seines Seins zu blicken, um dort seinen persönlichen Weg zu neuen Ufern zu finden.

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