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Marx’ „Kapital“ als verblödetes Kunstobjekt auf der Biennale

Von Hubert von Brunn 

Kunst spiegelt die Gesellschaft wider, in der wir leben. Kunst bildet. Kunst fordert zum Nachdenken heraus. Das sind die Ansprüche, die wir an die Künstler aller Genres stellen dürfen, wenn wir uns mit „l’art pour l’art“ nicht zufrieden geben wollen. Auf der aktuellen Biennale in Venedig gibt es durchaus interessante und nachdenkenswerte Beiträge. Überwiegend aber wird der Besucher gequält mit pseudointellektuell verbrämten Installationen, die ohne langatmigen Begleittext überhaupt nicht zu verstehen sind, oder politisch motivierten Aktionen, die völlig daneben gehen. So die sich über sieben Monate hinschleppende Lesung von Karl Marx’ „Kapital“.

Was soll dieser Schwachsinn? Marx ist tot, nicht nur als Mensch, sondern auch als Idee. Seine schwülstig redundanten gegen die Ausbeutung der Menschen gerichteten Ausführungen sind um die Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Zeit des allumfassenden Mangels entstanden. Das war in der Zeit des Manchester-Kapitalismus, den Marx in England lebend ja unmittelbar erfahren hat, durchaus angebracht. In der Praxis – das wissen wir spätestens seit 1990 – ist die Utopie des Kommunismus gescheitert.

Die Welt heute sieht in den Industriestaaten ganz anders aus. Hier herrschen Überfluss, Sattheit und Konsumterror. Diese Realität hat mit der Marx’schen Erlebnis- und Gedankenwelt nicht das Geringste mehr gemein. Karl Marx als Zeugen für das Versagen des Kapitalismus im 21. Jahrhundert aus der Versenkung zu holen, ist ein Armutszeugnis für die Veranstalter der Biennale 2015.

Auch „Künstlern“, die mit ihrer „Kunst“ aufrütteln, provozieren, zum Nachdenken anregen und die Welt verbessern wollen schadet es nicht, bevor sie zu Werke gehen, ihr Gehirn einzuschalten. Unreflektierte Effekthascherei macht die Kunst unglaubwürdig und bringt Menschen, die Kunst mit Können in Verbindung bringen, dazu, sich von der zeitgenössischen Kunst abzuwenden. Das ist höchst bedauerlich.