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Psychologischer Sprachwitz

Von Hans-Jörg Müllenmeister

Manch kuriose Wörter der Sprache verbergen einen tieferen psychologischen Sinn. Seinerzeit rief das Goethe-Institut dazu auf, das „schönste deutsche Wort“ erklärend einzuschicken. Jemand, der mit Worten umgeht, fallen natürlich einige amüsante Kandidaten dazu ein. Wie wäre es z.B. mit folgenden Beispielen: 

Die Plaudertasche

Dieses zusammengesetzte Substantiv verbindet das Plaudern, also eine ungezwungene, leicht dahin plätschernde Rede mit einer Tasche – einem Behältnis, dessen verborgener Inhalt leicht preisgegeben werden kann.

Eine Plaudertasche ist eine hübsche Bezeichnung für jemanden mit „Mauldiarrhoe“ oder ironisch gesagt für jemanden, der verschwiegen ist wie eine Litfaßsäule. Eigentlich ist eine Plaudertasche von Natur aus redselig, so dass sie aus Unachtsamkeit oder Naivität ein Geheimnis einfach „ausplaudert“. Dass eine Plaudertasche gerade weiblichen Geschlechts ist, dürfte rein zufällig sein. Man stelle sich bloß einen maskulines Plauderbehältnis, etwa einen „Plauder-Korb“ vor. Den gibt es freilich nicht, wohl aber einen Maulkorb, den man verpasst bekommt, wenn eine Plaudertasche etwas aus dem Nähkästchen plaudert oder klatschhaft aus der Schule etwas zum Besten gibt. Das Motto einer Plaudertasche ist ganz gewiss nicht „Hättest du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben“. Eher neigt sie dazu, sich leicht zu verplappern. Diese Neigung wird im Umgangsdeutsch eben mit dem schönen Wort Plaudertasche belegt. Immerhin besser als das Plappermaul oder das Äquivalent „die Ratschkattl“; übrigens auch ein schönes Wort, das aber leider nur in Bayern verstanden wird. Man muss schon sagen, dass der Volksmund die besagte Klatschbase genau richtig mit einer Plaudertasche beschreibt. Etwas merkwürdig wäre da eine Rede-Tüte, zumal es schon eine Flüstertüte gibt. 

Pfiffikus. Wo ist eigentlich der Pfiffikus in der „Schlauheitsskala“ im Deutschen angesiedelt? Ist es einer, der es faustdick hinter den Ohren hat, mit allen Wassern gewaschen ist, etwas im Schilde führt, einer der kein Wässerchen trüben kann, der ein Schnippchen schlägt oder gar schlau ist wie ein Fuchs?

Die Spezies Pfiffikus hat eine verschmitzte Schläue, sie kommt dem Schlitzohr sehr nahe, kennt aber weder Heimtücke, Arglist noch Hinterlist. Redet man also von einem Pfiffikus, so tut man das mit Anerkennung, ja mit dem Pfiff der Hochachtung. Einer der seine Sache geschickt und klug meistert, verdient es, ein Pfiffikus genannt zu werden. Das ist eine besondere Auszeichnung. Lobt man z. B. ein Kind für seine gelungenen Taten, sagt man: “Du bist ja ein richtig kleiner Pfiffikus!“ Dieses Lob – das schönste Wort für eine Anerkennung – macht Mut und Freude. Das lustige Wort ist rundherum positiv besetzt, und bereits ein kleines Kind merkt sich rasch diese positive Spracherfahrung. Beim nächsten Mal, wenn es wieder seine Sache gut gemacht hat, hat es situativ gelernt: Ich bin ein kleiner Pfiffikus! 

Papperlapapp

Wie könnte man ein wirres, dummes oder redundantes Geschwätz „lauttechnisch“ besser charakterisieren als eben durch dieses Wort. Das ist glänzend gelungen, noch dazu durch insgesamt sechs gleiche Buchstaben P. Auf Anhieb würde einem bestimmt kein vergleichbares Wort mit sechs gleichen Buchstaben einfallen. Jeder andere Konsonant wäre ungeeignet; stellen Sie sich das Wort mit sechs K’s vor!

Sicher, das „Schwadronieren“ ist auch recht nahe am Vielgeschwätz. Wenn man aber Papperlapapp! ausruft, dann enthält dieser Ausruf bereits eine wegwerfende Gestik mit abkanzelnder Absicht. Wo gibt es ein Nonsens-beschreibendes Wort mit einer derart gelungenen Aussagekraft? Indessen ist es nicht so krass gemeint wie „völliger Quatsch“.

Ein bisschen erinnert mich das Wort an einen Schlagertext aus den 50er Jahren mit dem blödsinnigen Refrain „ladipapp, ladipapp...“ Es muss schon etwas Seichtes ausdrücken – das Papperlapapp – denn im konträren Sinn redet man im Falle einer besonders harten Sache von etwas, das „nicht von Pappe ist“ oder „das kein Pappenstiel“ ist. Diesem schönen „Wortlautgemälde“ Papperlapapp merkt man seine Geschwätzigkeit förmlich an; da steckt ein nachhaltiges Babbeln drin. Selbst Leute mit wenig Sprachgefühl, die zum ersten Mal das Wort hören, tippen bestimmt nicht auf ein Sinn-verheißendes Wort. Vielmehr verweist Papperlapapp etwas humorig auf einen puren Blödsinn. 

Frühstücken

Dieses Verb vereint deutschtypisch gleich zwei Umlaute, nämlich das ü. Während man zur späteren Tageszeit sprachlich einfach zu Mittag oder zu Abend isst, heißt analog dazu das Frühstücken nicht etwa „Morgenessen“. Daran mag man erkennen, dass das Frühstücken schon einen besonderen Platz im Wortschatz einnimmt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen und fragen, ob man „gestückt“ statt gegessen habe, indessen hat man gefrühstückt. Die Aussage „wir frühstücken“ nimmt unter den Esszeiten den Platz des noch jungen, des frühen Tages ein. Frühstücken ist ein gutes Stück des Tages. Bei allen anderen Mahlzeiten kann man sich alles vom Imbiss bis zum üppigen Mahl vorstellen. Wenn man „Frühstücken“ sagt, dann sieht man glücksinnlich bereits den duftenden Kaffee und die frischen Brötchen vor seinem geistigen Auge. 

Dass das Frühstücken verbal jedes Mittagessen an Zugkraft schlägt, zeigt der legendäre Filmtitel „Frühstück bei Tiffany“ – ein noch so deliziöses Mittagessen bei Tiffany kann dem Frühstück nicht die „Kaffeebohne“ reichen. Übrigens für „Essunwillige“ bringt allein schon jede Wortkombination mit Essen Unbehagen. Aber auf das Frühstücken möchte man kaum verzichten. Welchen Stellenwert das Frühstücken hat, belegt die Aussage „Du hast wohl schlecht gefrühstückt“, wenn einer schlechte Laune hat. Ganz zu schweigen, wenn jemand eine ihm anvertraute Sache leichtfertig verfrühstückt, also verspielt hat. Miteinander gemütlich frühstücken zählt zum ersten „Stück-gut“ eines harmonischen Tages. 

Bratkartoffelverhältnis

In diesem Wort steckt ein gerüttelt Maß an Mutterwitz. Man spürt es, denn es zergeht angenehm auf der Zunge. Darin ist eine Art fürsorglicher Mutterliebe eingebacken, und die geht bekanntlich durch den Magen. Kein anderes Wort vermag Gaumenfreuden und Liebe so harmonisch zu vereinen.

Eigentlich ist ein Bratkartoffelverhältnis nichts Halbes und nichts Ganzes, vor allem nichts Haltbares oder gar Solides. Beschreibt es doch ursprünglich mit einem Augenzwinkern etwas spitzbübisch ein vorübergehendes Liebesverhältnis – einschließlich guter Verpflegung in heimeliger Atmosphäre. Verhältnismäßig schroff wirkt dagegen der neudeutsche Begriff, die sogenannte „wilde Ehe“. Wenn dagegen schmunzelnd von einem Bratkartoffelverhältnis die Rede ist, steckt dahinter bereits ein versöhnlicher, ja verzeihender Unterton. In wilder Ehe lebt man, aber ein Bratkartoffelverhältnis genießt man. 

Dieses gute alte tête-à-tête lässt sich wegen seiner Kernaussage nicht so einfach in eine andere Sprache eins zu eins übertragen. Selbst ganze Sätze können das nicht so prägnant beschreiben. Eben das leistet hier die deutsche Sprache, denn sie kann ohne weiteres mehrere Substantive mit vielschichtigen Aussagen zu einem verblüffend neuen Sinn verschmelzen. Diese fast vergessene „Wortlegierung“ Bratkartoffelverhältnis ist wert, dass man sie wieder belebt. Schließlich unterhält man ein Bratkartoffelverhältnis, darin steckt beste Kommunikation, also ein gewisser Unterhaltungswert. 

Kuscheln

Jeder Mensch kennt, liebt und tut es. Das Kuscheln gehört zu den Wärme spendenden Worten, ganz im Gegensatz zu den eisigen wie Geizhals oder Neid. Dieses „sich anschmiegen“ begleitet uns durchs ganze Leben von Kindheit an, und das in einer sich wandelnden Form wie die Liebe selbst. Ja, die Liebe! Mein Eindruck ist: das ursprüngliche kindliche „Kuscheln“ setzt sich im deutschen Sprachgebrauch als Synonym für die Liebe zwischen den Partnern durch. Am besten kommt das zum Ausdruck durch die erwartungsvolle Frage „Möchtest Du mit mir kuscheln?“ Diese Sprachentwicklung – wenn sie sich denn so durchsetzt – würde anderen eher vulgär-mechanischen Beschreibungen zur „Liebesgestaltung“ gefühlsbetont entgegenwirken. So verbreitete sich ein schnodderiger Unterhaltungston in manchen TV-Privatsendern. Hier avanciert beim einfachen Publikum das Lachsalven auslösende „Po...“ und so weiter“.

Vor Jahren beklagte sich ein Engländer bei mir um die primitive Einfallslosigkeit der deutschen Sprache in Sachen Liebe. Die Deutschen fragen doch höchstens gefühllos „Gehen wir ins Bett?“, meinte er. Dagegen meine ich, dass wir mit dem „breitbandigen“, verheißungsvollen Zielwort kuscheln gleichsam Gefühl und Absicht zum Ausdruck bringen können – und das in einer liebenswerten Weise.

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