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Nützliche Kobolde der Schrift

Von Hans-Jörg Müllenmeister 

Hier eine kleine Plauderei über Satzzeichen. Nicht nur der aristotelische Begriff „puctum saliens“ – springender Punkt (Lebenspunkt), sondern auch die Erfindung des ersten Satzzeichens, des Punktes nämlich, schreibt man einem Griechen namens Aristophanes von Byzanz zu, der zwei Jahrhunderte nach Aristoteles, also um 200 v. Chr. lebte. Freilich, bis zur heutigen Zeichensetzung war noch ein langer Weg.

Ob man nun die Interpunktionszeichen als unbequemes Schreibbeiwerk, als notwendiges Übel oder als bewusstes Ausdrucksmittel versteht, immer wird in diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs in die geschichtliche Entwicklung aufschlussreich sein. Wie gesagt, im Anfang war der Punkt, und zwar im weitesten Sinn. In der ersten Epoche der Sprech-Interpunktion stand er als Abschluss-, Mittel- und Unterpunkt dem heutigen Schlusspunkt, Semikolon und Komma Pate. Dabei lag es im rein persönlichen Ermessen des Schreibers, wie er diese „Satztonzeichen“ handhabte. Der erste in Deutschland, der die phonetische Interpunktion weiterführte – sie bestand aus einer Verbindung von Linien und Punkten – war Alkuin, dem Ratgeber von Karl der Große.

Aus dem mehr oder weniger willkürlichen Gebrauch der ersten Satzzeichen entwickelte sich die denkmäßige Interpunktion. In den Handschriften des Mittelalters bis etwa des 15. Jahrhunderts traten weitere Zeichen hinzu, und man bemühte sich jetzt ernsthaft, dem Leser den logischen Satzaufbau zu veranschaulichen. Eine entscheidende Wende brachte die Erfindung der Buchdruckerkunst um 1450 durch Johann Gensfleisch zum Gutenberg. Blieb das geschriebene Gedankengut bis dahin auf einen relativ kleinen Leserkreis beschränkt, so wurde das Geschriebene durch die neue Technik einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht.

Die Zeit der grammatikalischen Interpunktion war gekommen, und damit der Ursprung der ersten Satzzeichenregeln. Aber erst drei Jahrhunderte später, um 1781, schuf der Grammatiker Johann Christoph Adeling in seiner „Deutschen Sprachlehre“ verbindliche und allgemein anerkannte Richtlinien. Dass man aber zu keiner Zeit nur einfältig-schulmeisterlich an den Regeln klebte, sondern das jeder Zeitgeist „seine“ Vorlieben für spezielle Satzzeichen entdeckte, mögen folgende Beispiele zeige: Komma und Ausrufezeichen waren die Lieblinge der Sturm- und Drangzeit; der Gedankenstrich, das Privileg der Romantiker – vor allem Novalis’. Lessing, der größte dichterische Geist der Aufklärung, schätzte das Semikolon, das der Philosoph David Friedrich Strauß einmal treffend „die Taille des Satzes“ nannte. Die fanatische Überbetonung einzelner Satzzeichen fand auch ihre Gegner. Man denke nur an den Ausspruch Schopenhauers “Je mehr Gedankenstriche in einem Buch, desto weniger Gedanken“.

Unter Umständen kann ein einziges fehlendes Komma den Satzsinn ins Gegenteil verkehren. Die einführenden Worte von Schiller in „Die Braut von Messina“: „Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe“ würde verballhornt in: „Der Not gehorchend nicht, dem eignen Triebe“. Das Zitat aus Goethes Dichtung und Wahrheit: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter der Fülle“ wurde einmal scherzhaft umgewandelt in: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter: die Fülle“.

Manchmal stolpert man beim Lesen über zusammengesetzte Substantive, die dann durch falsche Betonung die komischsten Wortgebilde ergeben. Galaumzug oder unglückliche Worttrennungen wie Tole-ranzen oder Frequenzin-konstanz sind nur einige der vielen Stolperworte. Um Missverständnisse und Fehlbetonungen zu vermeiden, ist hier der Bindestrich nützlich und eine echte Lesehilfe, vorausgesetzt, er steht an der richtigen Stelle. Die kleinen „Punkt- und Strichkobolde“ leisten uns also gute Dienste.

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