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Nizza, Berlin, Barcelona – Lastwagen, Drohnen und Bomben

Von Peter Haisenko 

Am Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York sagte ein Gefängnisdirektor im amerikanischen Fernsehen, dass es nichts gäbe, aus dem man nicht eine tödliche Waffe machen könnte. Wie recht er hat! Jetzt sind es Lastwagen. Absolute Sicherheit kann es nicht geben, sagt unser Innenminister. Auch das ist richtig. Müssen wir uns jetzt an Terroranschläge gewöhnen, wie uns suggeriert wird? Sollte man da nicht auch einen Gedanken auf ferne Länder und die Befindlichkeit der Menschen dort richten, aus denen der Terror zu uns gebracht wird?

Ist es nicht schrecklich, wenn man in dem bangen Gefühl leben muss, jederzeit einem Anschlag zum Opfer zu fallen, sobald man sich auf belebten Plätzen aufhält? Da bleibt uns wenigstens die Gewissheit, in Sicherheit zu sein, wenn man seine Wohnung nicht verlässt. Können wir uns aber ein Leben vorstellen, wo nicht einmal das gegeben ist? Nun, das ist nichts Neues. Viele Millionen Menschen haben das erlebt und müssen auch heute noch mit dieser allgegenwärtigen Bedrohung leben, wenn der Terror aus der Luft kommt, gleichsam aus heiterem Himmel.

Maximale Zerstörung auf wissenschaftlich-technischer Basis

1938 gab es eine Konferenz in Paris, bei der sich alle Beteiligten verpflichteten, niemals Zivilisten und Städte zu bombardieren. US-Präsident Roosevelt (FDR) war zugegen, ebenso wie eine Delegation aus Großbritannien. Speziell diese beiden Länder haben jedoch kurz danach daran gearbeitet, die Zerstörung von Städten zu optimieren mit dem Ziel maximaler Zerstörung auf wissenschaftlich-technischer Basis. Die Briten haben die Methode entwickelt, zuerst Sprengbomben zu werfen, die, in etwa einhundert Metern Höhe gezündet, die Dächer abdeckten, damit die anschließend geworfenen Brandbomben die Dachstühle leichter in Brand setzen konnten. Das geächtete Phosphor, das extrem heiß brennt und nicht gelöscht werden kann, haben die Briten ebenfalls gegen Städte eingesetzt, was heute abgeleugnet wird.

Die USA sind so weit gegangen, eine kleine Stadt mit Holzhäusern im japanischen Stil aufzubauen, um zu testen, wie das neu entwickelte Napalm japanische Städte am effektivsten in eine Feuerhölle verwandeln kann. Bei der Bombardierung von Tokio haben sie dann zuerst einen Feuerring um die Außenbezirke gelegt, aus dem es kein Entrinnen gab, bevor sie das Zentrum mit Napalm in eine Todeszone verwandelt haben. Hiroshima und Nagasaki seien hier nur am Rande erwähnt, denn die Todeszahlen in Tokio waren höher. Geradezu routinemäßig haben die USA seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Zivilisten und Städte bombardiert. Aber was ist das alles gegen den willkürlichen Einsatz von Drohnen? Gab es beim Einsatz von Bombergeschwadern noch eine Vorwarnzeit, kommen die tödlichen Attacken von Drohnen aus heiterem Himmel. Wer im Jemen, Afghanistan, Somalia und ähnlichen Ländern lebt, kann sich nirgendwo und niemals sicher fühlen.

Bomben und Drohnen haben das Ziel, Zivilisten zu töten

Um auch diesen Aspekt nicht auszulassen: Es war die deutsche V2, die 1944 den Menschen in London dieses Gefühl vermittelte. Die V2-Rakete kam überschallschnell und so gab es keinerlei Vorwarnung, nicht einmal eine akustische direkt vor dem Einschlag. Ja, der deutsche Terror mit der V2 gegen London ist durchaus vergleichbar mit einem Selbstmordattentäter, der seine versteckte Bombe in einer Menschenmenge zündet. Oder eben mit den Drohnen, die unsichtbar über dem Ziel kreisen, um dann auch schon mal einer Hochzeitsgesellschaft mit 40 Gästen einen plötzlichen Tod zu bescheren. Besonders perfide ist die Praxis, ein zweites tödliches Geschoss auf dasselbe Ziel zu feuern, sobald die Rettungskräfte ihre Arbeit begonnen haben. Man vergleiche dazu die zweite, dritte und vierte Angriffswelle auf Dresden. Ich will hier nur kurz Vietnam erwähnen oder Pjöngjang, das ähnlich Tokio restlos zerstört wurde. In allen diesen Fällen kann nur noch das Töten von Zivilisten das Ziel gewesen sein. Da sollte man schon ins Grübeln geraten, wenn von „westlichen Werten“ geschwafelt wird.

Ich stelle hier eine bewusst provokante Frage in den Raum: Was sind schon die – vergleichsweise wenigen – Toten von Nizza, Berlin oder Barcelona gegenüber der vielfachen Anzahl, die vor allem in muslimischen Ländern geradezu routinemäßig Drohnen- und Bombenangriffen zum Opfer fallen? Gegenüber den Hunderttausenden, die in Libyen oder im Irak zu Tode gekommen sind, oder – wenn sie denn überlebt haben – ihrer gesamten Lebensgrundlage beraubt wurden? Ich bin nicht der erste, der feststellt, dass mit jedem dieser Toten ein Mehrfaches an potentiellen „Terroristen“ geschaffen wird. Darf man überhaupt jemanden als Terrorist bezeichnen, der nach Verlust von – manchmal allen – geliebten Verwandten nur noch Rache sucht? Müsste diesen geschundenen nicht die gleiche Toleranz für ihr Tun entgegengebracht werden, die deutsche Gerichte gegenüber straffälligen Flüchtlingen walten lassen, weil ihre Vergangenheit als strafmildernder Umstand gewertet wird?

Wer Terror vermeiden will, muss zuerst seinen eigenen Terror einstellen

Bei den Attentätern von Nizza, Berlin oder Barcelona trifft das nicht zu. Es waren keine direkt Betroffenen. Als praktizierender Gutmensch könnte man bestenfalls Verständnis begründen, indem man zugesteht, dass diese rächen wollen, was man ihrem Herkunftsland oder ihren Glaubensbrüdern angetan hat. Weil aber die Täter von Nizza, Berlin und Barcelona aus Afrika, dem Magreb stammen, kann für diese nur der „solidarische Rachegedanke“ für die Glaubensbrüder zugelassen werden. Wenn sie dann noch Alkohol trinken, fällt auch das weg und damit jegliche irgendwie begründbare Motivation.

Dennoch soll nicht übersehen werden, dass auch ein nur indirekt Betroffener keine Unterscheidung macht, zwischen bösen Bomben und guten, die die Segnungen der Demokratie bringen sollen. Können wir uns überhaupt die ohnmächtige Wut, den verzweifelten Zorn vorstellen, wenn ein übermächtiger, auf direktem Weg unangreifbarer Feind Leben, Gebäude, Strukturen und Lebensgrundlage einfach auslöscht? Ja, ein wenig schon. Häusliche Gewalt, wenn eine – auch psychisch – misshandelte Frau keinen anderen Weg mehr sieht, als ihren Mann zu schlagen oder anders herum, bis zum manchmal tödlichen Ausgang.

Wer Terror vermeiden will, muss zu allererst seinen eigenen Terror einstellen. Ich will mir meinen Gemütszustand gar nicht ausmalen, wenn ein Anschlag welcher Art auch immer den sinnlosen Tod von geliebten Menschen verursacht hat. Wie muss es aber erst Menschen gehen, in deren Kultur die Blutrache noch ihren Platz hat? Ich höre zu oft von ansonsten gemäßigt vernünftigen Menschen, dass Attentäter sofort erschossen werden müssten. Wie weit ist das noch von Blutrache entfernt? Abgesehen davon halte ich die sofortige Todesstrafe für zu milde. Ein Attentäter, Massenmörder, der seinen Tod nicht nur in Kauf nimmt, sondern sich als Märtyrer auch noch einen besonders privilegierten Platz im Paradies erhofft, ist mit einem lebenslangen Aufenthalt in einem Straflager sicher härter bestraft. Allerdings bedauere ich an der Stelle sehr, dass schon vor Jahrzehnten die Unterscheidung zwischen Gefängnis und Zuchthaus abgeschafft worden ist – auch damals schon von Menschen mit einer fehlgeleiteten Pseudomoralität. (Mehr darüber im Buch „Das Limburg Syndrom“ hier.)

Ist es moralisch, die „westlichen Werte“ mit Waffengewalt zu verbreiten?

Natürlich würde der Wütende und Rachsüchtige lieber Obama oder Bush selbst auf grausamste Weise umbringen, jene also, die für sein Unglück verantwortlich sind. An die kommt er aber nicht ran. So bleibt ihm nur verzweifelter, zehrender Zorn, oder eben der Weg, Menschen wahllos umzubringen, die er als deren Helfer identifiziert hat, weil sie ihn mit ihrer Stimme gewählt und so für seine Taten legitimiert haben. Es ist eine ähnlich pervertierte Denkweise, die von US-Präsident Truman nach Hiroshima präsentiert wurde: Der Tod von Hunderttausenden Japanern hat – wahrscheinlich (!) – 10.000 Amerikanern das Leben gerettet. Also war die Bombe gut. Oder die Rechtfertigung für die Bombardements der USA in Nordfrankreich, denen Zehntausende Franzosen zum Opfer gefallen sind: Das waren nach offizieller Lesart alles Kollaborateure und haben damit den Tod verdient. Sind wir dann auch Kollaborateure der Massenmorde an Mohammedanern?

Wie viele Millionen Menschen sind ermordet worden, unter dem moralisierenden Vorwand, ihnen die Segnungen der Demokratie aufzuzwingen, die sie gar nicht haben wollten; die nicht zu ihrer alten Kultur passt? Nach jedem Anschlag hier wird betont, dass wir uns dadurch nicht von unserer Lebensweise abbringen lassen. Was aber tut der Westen? Er will allen anderen vorschreiben, dass sie ihre Lebensweise ändern sollen, damit sie unseren „westlichen Werten“ genügen können und das mit Waffengewalt. Was für eine bigotte Arroganz! Darf man sich da noch wundern, wenn aus den Reihen der Zwangsbeglückten mörderische Reaktionen kommen? Eben wenn sie kein anderes Mittel mehr sehen, weil sie kein anderes haben? Jeder Selbstmord(versuch) ist ein Hilferuf, sagt man. Kann, darf das auch für einen Selbstmordattentäter gelten?

Zuerst kamen die Bomben, dann der islamistische Terror

Die scheinheiligen Betroffenheitsbekundungen unserer Politiker ekeln mich nur noch an. Lasst die Länder doch einfach in Ruhe. Führt keine Kriege mehr, die in Wahrheit doch nur wirtschaftliche und machtpolitische Ziele haben. Helft den Menschen in Syrien, die mittlerweile zu mehr als 600.000 in ihre geschundene Heimat zurückgekehrt sind. Aber nein, solange der demokratisch gewählte Assad noch da ist, werden Sanktionen aufrecht erhalten, die den Wiederaufbau massiv erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Und es ist noch schlimmer. Wie jetzt bekannt wird, gilt die Rückkehrförderung nicht für Syrer. Ihnen wird die Rückreise sogar verwehrt. Ja, Russland und neuerlich China helfen da, aber die sind sowieso böse. Wer ist denn nun wirklich böse? Vielleicht doch diejenigen, die immer lauthals darüber schwadronieren, dass man Fluchtursachen bekämpfen muss, aber nichts dazu tun?

Die Taten der Terroristen in Nizza, Berlin und Barcelona sind nicht entschuldbar, aber ebenso wenig der imperiale Massenmord, begründet mit Lügen und scheinheiliger Moralität. Wer hat angefangen? Diese Frage ist geklärt. Zuerst kamen die Bomben, dann der islamistische Terror. Kann man erwarten, dass der islamistische Terror jetzt als erster von Gewalt ablässt? Solange man ihnen keine andere Stimme gibt, die Gehör finden kann? Es ist der Westen, der hier in der Pflicht steht, seinen Bombenterror einzustellen und aufhört, instabile Länder mit Waffen zu fluten. Dass es so geht, hat Donald Trump bewiesen. Er hat der CIA angeordnet, die Waffenlieferungen an Terroristen in Syrien einzustellen. Nahezu schlagartig haben daraufhin militante Gruppen um Frieden ersucht und ein Ende des Mordens in Syrien liegt jetzt in greifbarer Nähe. Flüchtlinge kehren in ihre geschundene Heimat aus den Nachbarländern und Lagern zurück. Ein Ende des Mordens im Nahen Osten und anderen muslimischen Ländern ist der Anfang, dass auch die terroristische Gefahr in Europa ein Ende finden kann. Alles andere ist dummes populistisches Gesülze!

 

 

Die Deutschen sind wohl das einzige Volk, das seinen Befreiern vorbehaltlos dankt, sie als Freunde sieht, obwohl diese deutsche Städte ohne militärische Notwendigkeit in Schutt und Asche gelegt haben. Ja, sie nehmen es den Siegern nicht einmal übel, dass sie es zumindest zugelassen haben, dass nach dem 8. Mai 1945 mindestens 13,4 Millionen Landsleute einen vorzeitigen Tod gefunden haben, durch Hunger und grausamste Behandlung. Ich habe einen großen Teil meines Werks „England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert“ diesem Thema gewidmet, das nun wirklich kein Ruhmesblatt in den Annalen der Alliierten ist. Im Buchhandel oder direkt zu bestellen beim Verlag hier.

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