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Im neuen „Reich des Bösen“: Wo die Sprache verroht, verrohen auch die Sitten

Von Hubert von Brunn 

Denjenigen, die unsere Werte angreifen, brechen wir die Hände, schneiden ihnen die Zunge ab und vernichten ihr Leben.“: Der türkische Parlamentspräsident Ismail Kahraman vor der Nationalversammlung anlässlich einer Feierstunde zu Niederschlagung des Putschversuchs am 15. Juli vor einem Jahr. „Niemand darf ungestraft davonkommen; wir werden diesen Verrätern die Köpfe abreißen.“: Staatspräsident Erdogan am selben Tag vor einer ihm frenetisch huldigenden Menschenmasse in Istanbul. – Sprache ist eine mächtige Waffe, dessen sollten sich alle, die damit arbeiten, bewusst sein. Die Tonalität, die aus der Türkei in die Welt und insbesondere nach Europa dringt, übertrifft alles, was an verbaler Verrohung dokumentiert ist.

Nicht einmal die hauptamtlichen Propagandisten und Demagogen der Nazis haben sich in derartige offen menschenverachtende Formulierungen verstiegen. Rhetorisch äußerst geschickt, haben sie es verstanden, die Massen zu fanatisieren, um dann auf dem Höhepunkt ihrer allein auf Wirkung ausgerichteten Reden die Frage zu stellen: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – und ein tausendfach gebrülltes „Jaaaa“ war ihnen sicher. Diese sprachliche Wirkmächtigkeit im Umgang mit einem quasi religiös prädisponierten und damit seines eigenen Denkvermögens entledigten Kollektivs selbstaufopfernder Unterwerfung hat R.T.E. offensichtlich eingehend bei den Nazis studiert. Auf die Frage nach der Wiedereinführung der Todesstrafe brandete ihm ein hunderttausendfaches „Ja, ja, Tod, Tod!“ entgegen. Der Treueschwur für den kommenden Diktator – mehr wollte er nicht hören. Dass er da nur eine verschwindend kleine Minderheit der rd. 80 Millionen Türken vor sich hat, ficht ihn nicht an. Das Ego ist befriedigt, die Absolution als Alleinherrscher wurde erteilt, alle Andersdenkenden sind sowieso per se Verräter und Terroristen.

Der Kalif von Ankara hat die Rhetorik der Nazis gut studiert

Ja, dieses Muster kommt uns Deutschen, die wir uns ein wenig mit unserer Geschichte ab 1933 beschäftigt haben, ziemlich bekannt vor. Nur eben mit dem Unterschied, dass sich die nazistische Propaganda in aller Regel an der Gesamtheit, am Kollektiv ausgerichtet hat: Die kollektive Bedrohung (Juden); die kollektive Stärke (NSDAP); die kollektive Befreiung (Krieg)… Das macht der Kalif von Ankara zwar auch: Die kollektive Bedrohung (Kurden); die kollektive Stärke (AKP); die kollektive Befreiung (islamische Diktatur) – aber darüber hinaus betreibt er eine individuelle Hexenjagd nach mittelalterlichem Vorbild unter Zuhilfenahme stasierprobter Bespitzelungstechniken (z.B. Ditip).

Es ist schon erstaunlich, wie ein Mensch aus all dem Bösen, das das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat, die schlimmsten Abscheulichkeiten und Abgründe herausnimmt und zu einem neuen „Reich des Bösen“ am Bosporus zusammenfügt. Auch seine glühenden Verehrer – nicht die Deutschtürken, die sind ja in sicherer Entfernung – werden sich spätestens nach den Wahlen im November 2019 noch umtun. Dann wird das Wort „Demokratie“ aus den türkischen Wörterbüchern gestrichen, an zentralen Plätzen in Istanbul, Ankara und Izmir werden Galgen errichtet und an den Wochenenden wird man sich dort zu öffentlichen Hinrichtungen einzufinden haben. Wer nicht kommt, ist verdächtig und könnte am nächsten Sonntag schon der Nächste sein. In diesem Klima der Angst, der Verfolgung und des wirtschaftlichen Niedergangs, der bereits eingesetzt hat, werden auch viele der heute noch kritiklosen Jubel-Erdoganer über kurz oder lang zu der Erkenntnis kommen, dass sie mit ihm auf dem falschen Trip sind. Wo die Sprache verroht, verrohen auch die Sitten.

Erdogan fordert den Friedensnobelpreis für die Türkei

So sehr Erdogan gedanklich im Mittelalter verhaftet ist, so ungehemmt bedient er sich der neuen Medien. So bekamen viele Handynutzer in der Nacht zum Sonntag bei Anrufen vor ihrem Gesprächspartner zunächst eine aufgezeichnete Nachricht Erdogans zu hören: „Als Ihr Präsident gratuliere ich Ihnen am 15. Juli zum Tag der Demokratie und der Nationalen Einheit. Möge Gott Erbarmen mit unseren Märtyrern haben. Ich wünsche unseren Veteranen Gesundheit und Wohlbefinden.“ Datenschutz? Unversehrtheit der Persönlichkeitsrechte? Gedankenfreiheit? – Davon kann in der Erdogan-Diktatur keine Rede mehr sein. Und gleichzeitig fordert der durchgeknallte Pseudologe den Friedensnobelpreis für sein Land. Noch wirklichkeitsfremder kann man nicht sein.

Weit mehr als 50.000 Menschen sitzen in der Türkei als vermeintliche Putschisten im Knast. Mehr als 130.000 Menschen – vor allem Staatsbedienstete und Journalisten – haben ihren Job und damit ihre Existenz verloren. Jeden Tag gibt es neue Verhaftungen, rechtskonforme Verhandlungen unter Beachtung der Menschenrechte sind nicht in Sicht, nicht zuletzt, weil unabhängige Richter entlassen wurden oder selbst im Gefängnis sitzen. Wir dürfen gespannt sein, welcher Sprache sich der Kalif von Ankara bedient, nachdem er seine Verfassungsreform plus Inthronisierung zum Alleinherrscher über die Türkei durchgezogen hat (Nov. 2019). Wahrscheinlich wird er verkünden, dass wir „Ungläubigen“ alle einen Kopf kürzer gemacht werden müssen und wenn es ganz dumm kommt, werden türkische Truppen wieder Wien belagern. Wer mag dann unser tapferer Eugen sein, der das Abendland rettet?

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