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Nizza und die Gewalt auf Bildschirmen

Von Peter Haisenko 

In gewisser Weise erinnert mich das grausame, wahllose Morden in Nizza an den “Endkampf” eines dieser schrecklichen Ego-shooter-Spiele, die von vielen mit anhaltender Begeisterung auf ihren Computern gespielt werden. Man besorgt sich zunächst das geeignete Gerät, mit dem dann der Kampf mit dem Endgegner aufgenommen wird. Den Weg dorthin pflastern unzählige Kollateralschäden, eben Leichen. Das Ziel ist immer, so viele “Feinde” wie möglich zu eliminieren. Eine labile oder gespaltene Persönlichkeit kann da schon mal den Unterschied zwischen irrealem Spiel und dem realen Leben verlieren.

Eine ältere kluge Schauspielerin aus Nordkorea hat ihren Beruf einmal so beschrieben: Wir geben den Zuschauern Orientierung, sollen sie erziehen. Das trifft zweifellos auch auf die westliche Medienwelt zu, auch wenn das nicht unbedingt das erklärte Ziel sein muss. Dennoch ist es unausweichlich, dass sich Handlungsweisen und Realitätsverzerrungen, die in Filmen und Serien massenhaft dargestellt werden, auf die Handlungsrealität gerade Jugendlicher auswirken. Wie sonst wäre erklärbar, dass in den letzten Jahren immer öfter Taten begangen werden, die an sinnloser Brutalität kaum zu überbieten sind.

Allmachtsphantasien und die “Lizenz zum Töten”

Betrachten wir zunächst die Filmwelt. Da werden die “Helden” mit Schlägen eingedeckt, von denen jeder einzelne im normalen Leben zum sofortigen und endgültigen Aus des Geprügelten führen würde. Er wird angeschossen, mit Messern verletzt, schüttelt sich dann, nimmt den Kampf wieder auf und gewinnt dann wider jede Vernunft schließlich den Kampf. Selbst dann, wenn der brutale Gegner ihm mehrfach gegen den Kopf getreten hat. Was bleibt in den Köpfen der undifferenziert Konsumierenden dieser Gewaltorgien übrig? Kann ja nicht so schlimm sein, wenn ich einem Geschlagenen, der bereits hilflos am Boden liegt, noch ein paar mal gegen den Kopf trete! Meine “Helden” tun das ja auch und so erhält diese abscheuliche Gewaltanwendung in gewisser Weise Absolution, denn finaler Schaden des Opfers findet auf dem Bildschirm nicht statt. Und wenn doch, dann zerplatzt oder verschwindet der geschlagene Gegner einfach. Kein Blut und keine hässliche Leiche verschmutzen den Computer oder das Zimmer. “Sauber erledigt!”

Dann die “James Bond Filme” und andere Verherrlichungen von Gewalt, begangen von – natürlich “guten” - Spionen und Ex-Marines. Leichen pflastern ihren Weg! Es wird suggeriert, dass jegliche Gewaltanwendung – auch massenhaft tödliche – gut und richtig ist, wenn sie nur einem “guten Zweck” dient. Der “Gute” hat die “Lizenz zum Töten” und diese gibt ihm das Recht, alles zu eliminieren, was den Zielen der “Guten” im Weg stehen könnte. Das Fazit lautet, dass im Kampf für das “Gute” alle Mittel erlaubt sind und hier liegt das Problem. Was gut oder böse ist, entscheidet jeder für sich selbst. So wird ein Gegner des US-Imperialismus das Gute ganz woanders platzieren, als es sich die Herren in Washington definiert haben. Was er aber von der Philosophie der Hollywoodproduktionen übernimmt, ist sein ”Recht”, auch für seine eigenen “guten” Ideale alle grausamen Exzesse der Gewalt rücksichtslos anzuwenden.

Die “Guten” kommen als Apokalyptische Reiter

Hollywoods Allmachtphantasien. Mit größter Selbstverständlichkeit übernehmen amerikanische Beamte/Staatsbürger/Ex-Marines weltweit die absolute Führung über die dümmlichen Beamten vor Ort. Ihre meist rechtswidrigen Vorgehensweisen führen ebenso selbstverständlich zum Erfolg und retten die Ordnung in fremden Staaten. Völkerrecht? Wen interessiert denn so etwas, wenn die guten Amerikaner mal wieder die “westlichen Werte verteidigen”? Wen wundert es aber dann, wenn Andersdenkende, Andersgläubige sich auch das Recht herausnehmen, ihren Kampf für ihre Ideologie ebenso selbstverständlich mit ebenso tödlichen und (völker-)rechtswidrigen Aktionen in fremden Ländern zu propagieren? Kopieren sie vielleicht nur unsere gewaltverliebten Ikonen der “Gerechtigkeit”?

Gewaltverherrlichung auf Bildschirmen und Leinwänden überflutet unser virtuelles Leben. Der erste Kontakt mit Außerirdischen wird immer zuerst von Militärs aufgenommen und endet meist in Gewaltorgien. Weswegen werden hier nicht anständige Verhaltensweisen vorgeführt, indem zuerst Diplomaten entsandt werden? Die Darstellung möglicher Formen der zukünftigen Welt ist meist düster, geradezu apokalyptisch und extrem realitätsfremd. Da kriechen die Helden durch lebensfeindliche Ruinen und kämpfen wofür auch immer. Kein Gedanke wird daran verschwendet, dass diese Helden essen müssen und woher das Essen und die Waffen kommen. Aber die “Guten” kämpfen heldenhaft und am Ende siegt das Gute, wofür auch immer, in einer zerstörten Welt, in der niemand leben möchte. Hier kann eine Parallelität gesehen werden zu den realen Zuständen, die in den geschundenen Regionen des Nahen Osten herrschen. Auf welchen Wegen finden Waffen und Munition ihren Weg in weitgehend zerstörte, unbewohnbare Städte? Wie im Film denkt niemand darüber nach, dass diese Instrumente des Todes hergestellt, bezahlt und vor Ort gebracht werden müssen. Kein Wunder, denn Hollywood führt ja vor, dass selbst in den lebensfeindlichsten Umgebungen solche Überlegungen überflüssig sind.

Im wirklichen Leben fehlt der “Reset-Button”

Was macht also die allgegenwärtige Darstellung und Proklamierung von exzessiver bis tödlicher Gewalt mit den Konsumenten, vor allem mit labilen Jugendlichen? Nun könnte man anführen, dass hierdurch latente Gewaltbereitschaft in die virtuelle Welt transferiert wird und so unschädlich ausgelebt werden kann. Das mag auf vernünftige Zeitgenossen zutreffen, aber wie ist es mit jemandem, der von Haus aus desorientiert, schwach und leicht verführbar ist? Kann dieser immer die virtuelle Welt von der Realität trennen? Die Gewaltexzesse in U-Bahnen zeigen, sie können es offensichtlich nicht (immer). Manche Darstellungen unrechtmäßiger Handlungsweisen können geradezu als Handlungsanweisung gesehen werden. Der Held im Film ist auch nach einer Untat einfach abgehauen und so ungestraft davon gekommen.

Man macht es sich wohl zu einfach, Amokläufe und scheinbar terroristische Attacken mit Islamismus oder dem IS zu begründen. Gerade der Fall des irren Massenmörders von Nizza zeigt, dass dieser kaum in diese Kategorie einzuordnen ist. Wäre es nicht wahrscheinlicher, dass er aus allgemeinem Frust und Perspektivlosigkeit versucht hat, ein Zeichen à la Endkampf mit Siegerehrung durchzuziehen? Eben so, wie seine Erfolge in Ego-Shooter-Spielen am Computer sein Ego aufgeblasen haben? Da hilft es auch nichts, wenn man ihm gesagt hat, dass es im richtigen Leben keinen “Reset-Button” gibt. Wer so etwas überhaupt in Erwägung zieht, der hängt nicht am Leben. Und wenn man schon den eigenen Tod in Kauf nimmt, dann ist der Gedanke wohl tröstlich, wenn man mit maximalem Schaden und folgender maximaler Aufmerksamkeit abtritt, so zu sagen, wie in einem erweiterten Computerspiel. Wir sollten ernsthaft darüber diskutieren, was die Verherrlichung von Gewalt und Militär in den Computerspielen und Medien mit unserer Jugend macht und ob es nicht sinnvoller wäre, hier klare Grenzen zu setzen, anstatt nur wachsweiche Altersempfehlungen zu geben. Nicht umsonst verabscheuen wir die paramilitärische Ausbildung in den Jugendlagern der Nazis und den kommunistischen Ländern.

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