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Der Zorn im Osten hat tiefere – und berechtigte - Gründe

Von Peter Haisenko 

Die Diskussionen über den Zorn im Osten vernachlässigen zwei wesentliche Aspekte: Es gibt ihn auch im Westen und der Osten hat niemals bekommen, wofür diese mutigen Menschen 1989 auf die Straße gegangen sind. Mit dem Jahr 1990 hatte der Kapitalismus „gewonnen“ und musste fortan nicht mehr beweisen, dass er das bessere System für die Menschen ist. Die Soziale Marktwirtschaft ist Stück für Stück abgeschafft worden und der Kapitalismus konnte seine hässliche Fratze ungeniert ausleben. Er wurde zum Turbo-, dann Raubtierkapitalismus.

Bei der Lufthansa konnte ich es direkt beobachten. Mit dem Jahr 1990 wurden die Gehaltstabellen nach unten erweitert und mit „Lufthansa Express“ und „Südflug“ der Versuch unternommen, billigeres Personal in die Flugzeuge zu setzen. Es ist dem entschiedenen Widerstand der Lufthansa-Piloten zu verdanken, dass der Sozialabbau im Mutterkonzern nur gebremst voran kam. Aber wir sehen gerade in den letzten Jahren, wie sehr die Geschäftsführung weiterhin in diese Richtung arbeitet. Die Billig-Airlines sind nur möglich geworden, weil auch der Gesetzgeber den Rahmen geschaffen hat, für den Wettbewerb nach unten.

Mit Bauernfängertricks aufs Kreuz gelegt

Mit den Morden an Herrhausen und Rohwedder ist auch die Hoffnung auf die versprochenen „blühenden Landschaften“ gestorben. Birgit Breuel hat den gnadenlosen Ausverkauf des neuen Herrschaftsgebiets auf Ramschniveau gedrückt. Die in diesen Dingen unerfahrenen Ex-DDR´ler sind von Wessis im großen Stil mit den ältesten Bauernfängertricks aufs Kreuz gelegt worden und zu viele haben von dem Wenigen, was ihnen geblieben ist, alles verloren. Mit den kriminellen Immobiliengeschäften allerdings sind Menschen in Ost und West um ihr Erspartes gebracht worden. Die Regierung hat hierzu das Ihrige geleistet, indem sie irrsinnige Steuervorteile versprochen und die Aufsicht über die Hypothekenbanken vernachlässigt hat. Wer noch mit einem blauen Auge da raus gekommen ist, musste sich zum Stillschweigen verpflichten. Wenn das nicht sogar kriminell war!

Unter der Wessi-Dame Breuel wurde betrogen im größten Stil. Subventionen kassiert in Millionenhöhe mit dem Versprechen, Arbeitsplätze zu erhalten, um nur ein Jahr später, nachdem die millionenschweren Subventionen in Sicherheit gebracht waren, den Betrieb zu schließen und die Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Der „Verkauf“ von Minol an die französische Elf-Aquitaine für nur eine, wiederhole, eine Mark zeigt nur die Spitze des Eisbergs. Allenthalben sind Spitzenpositionen mit Wessis besetzt worden und das hat sich bis heute kaum geändert. Die jungen Leute sind massenhaft Richtung Westen abgewandert und ganze Landstriche verwaist. Provokativ formuliert könnte man sagen, der Westen hat sich im neuen Herrschaftsgebiet aufgeführt, wie ein Plünderer nach der Eroberung.

Lästige Ost-Konkurrenz wurde platt gemacht

Natürlich darf nicht vergessen werden, dass Städte und Infrastruktur im großen Stil repariert und aufgebaut worden sind. Aber erinnern wir uns an 1990. Die Konjunktur im Westen lahmte und da kam der „Aufbau Ost“ gerade recht. Wer hat denn den Gewinn aus dem Aufbau gezogen? Ehemalige VEB´s? Nein, die Knochenarbeit ist von billigen Ost-Arbeitskräften geleistet worden, während die Herren aus dem Westen kommandierten und kassierten. Wo der Westen überschüssige Kapazitäten hatte, ist die lästige Ost-Konkurrenz platt gemacht worden. Dass das auch mit vorsätzlichen Lügen angegangen worden ist, weiß ich aus dem Fall „Interflug“. Dazu wurde ein Dr. K. von der Lufthansa nach Berlin geschickt, angeblich um die Integration der Interflug in die Lufthansa vorzubereiten. Tatsächlich hatte er den Auftrag, die Interflug so „abzuwickeln“, dass die Lufthansa kein Ex-Interflugpersonal zu alten Bedingungen übernehmen muss. Als der Betrug auf einer Pilotenversammlung in Berlin ans Licht kam, ist Dr. K. nur mit Glück einer soliden Tracht Prügel entgangen. Das weiß ich von Dr. K. selbst und auch, dass er sich später zutiefst schämte für die Rolle, die er allerdings freiwillig übernommen hatte. (Manchmal hilft eine drohende Tracht Prügel wohl, über Moral und Anstand nachzudenken!)

Die Menschen im Osten sind auf die Straße gegangen, für (Reise-)Freiheit und die gesellschaftlichen Umstände, die die Soziale Marktwirtschaft bis 1990 garantiert hat. Sie haben ihr Leben nicht riskiert für Hartz IV, Turbokapitalismus, unregulierte Finanzmärkte und Bankenwillkür. Hier sind wir an einem interessanten Punkt. Die Demonstrationen im Zuge der „Occupy Wallstreet Bewegung“ fanden in Frankfurt statt, nicht in Dresden. Das bedeutet, dass auch im Westen ein anwachsender Unmut über Sozialabbau und Raubtierkapitalismus existiert ebenso, wie in allen Teilen Deutschlands „Lügenpresse“ gerufen wird. Dass diese Rufe im Osten lauter sind als im Westen, hat einen einfachen Grund: Wir im Westen sind im trügerischen Bewusstsein aufgewachsen, dass unsere Medien uns die Wahrheit sagen. Im gesamten Ostblock hingegen wusste jeder, das man zwischen den Zeilen lesen muss, um wenigstens einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen. Die Menschen im Osten können folglich leichter erkennen, wenn sie mit Propaganda verarscht werden. Hier sehe ich zum Beispiel einen Nachholbedarf im Westen zur Überwindung der undifferenzierten Mediengläubigkeit.

Unterschiedliche Wahrnehmung der Medien

Der nächste Punkt ist die im Westen verbreitete Amerikahörigkeit. Wer war in seinen jüngeren Jahren nicht Amerika-Fan, mal abgesehen von den Vietnamkriegsdemonstranten, die wundersamer Weise nach Jugoslawien, Afghanistan und Irak einfach verschwunden sind? Anders im Osten. Dort wurde über die Defizite des Kapitalismus gelehrt. Nach der allgemeinen Euphorie der Wende und der folgenden Ernüchterung hat wohl mancher erkennen müssen, dass nicht alles falsch war, was über den Kapitalismus gelehrt worden ist. Diese Art der Vorbildung existiert im Westen nur in Randgruppen. Wen wundert es da, wenn im Osten die Kritik am verfaulenden System lauter und verbreiteter ist?

Es ist auffallend, dass die meiste Anti-Putin-Propaganda vom MDR oder RBB kommt, also aus dem Osten. Man sollte doch eher vermuten, dass im Osten kaum Russlandfreundlichkeit anzutreffen ist, weil diese ja die Besatzer waren und so weiterhin unbeliebt und unglaubwürdig sein sollten. Warum also finden sich im Osten mehr „Putin-Versteher“ als im Westen, gegen die der „Ostfunk“ mit seiner Propaganda Front macht? Ich denke, auch das dürfte im kritischeren Umgang mit Medieninformationen liegen, den man im Osten eben nicht vergessen hat. Man kann zum Beispiel vor Ort beobachten, wie die Abmachungen mit Russland mit Füßen getreten werden, die die Präsenz von NATO-Truppen dort verbietet. Die Panzertransporte durch Leipzig und anderswo werden vom Westen nicht wahrgenommen, weil sich die Medien darüber ausschweigen. Diese Dissonanz zwischen Berichterstattung und selbsterlebter Realität lässt den Glauben an die Wahrhaftigkeit der Medien weiter schwinden und macht Meldungen aus Russland glaubwürdiger. Da muss von den „Ostmedien“ schon propagandistisch gegengehalten werden und auch das trägt nicht dazu bei, Zorn zu dämpfen.

Protest ist kein Phänomen des Ostens

Für das wichtigste Element für den sichtbar größeren Zorn und Frust im Osten erachte ich die Tatsache, dass die Menschen niemals das bekommen haben, wofür sie auf die Straße gegangen sind: Die gute alte Soziale Marktwirtschaft. Bereits die Abwicklung durch die Treuhand hatte nichts mit Marktwirtschaft als solcher gemein. Allerdings wirkt sich die „Wende“ auch im Westen stärker aus, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Man sollte darüber nachdenken, ob die Ossis nicht nur ihr eigenes altes System zum Teufel geschickt haben, sondern auch damit die Grundlage für den Verfall des moderaten westlichen Kapitalismus geschaffen haben. Der konnte sich fortan hemmungslos ausleben und so sehen wir uns jetzt mit dem „Kapitalismus im Endstadium“ konfrontiert.

Im Westen ist das eher schleichend unbemerkt vorangegangen, aber im Osten hat man genauer betrachtet, was man erreichen wollte und was dann tatsächlich draus geworden ist: Gerade in den letzten Monaten eine akute Kriegsgefahr – und dafür ist nun niemand auf die Straße gegangen, vor 27 Jahren. Wen wundert es da noch, dass diesen missachteten Ängsten und Frustrationen auch auf unfeine Weise Ausdruck verliehen wird? Die Sachsen waren schon immer bekannt für direkte Sprache. Aber es ist falsch, die Thematik exklusiv im Osten zu verorten. Die Protestpartei AfD feiert bundesweit Erfolge und das zeigt auf, dass der Ärger über die ansonsten zahnlose oder besser inexistente Opposition kein Ost-Phänomen ist. Nur hat man dort eben mehr Erfahrung mit dem System der Blockparteien, während es im US-demokratiegläubigen Westen erst erkannt werden muss. Immer mehr Menschen im ganzen Westen, in Frankreich, USA, wenden sich ab von den „Etablierten“, die uns immer offensichtlicher belügen und betrügen. Sie wenden sich Le Pen, Trump und eben der AfD zu. Es ist kein isoliertes Phänomen des Ostens. Es ist der im Osten pointierter dargebrachte Protest, zu dem sich manch satter Wessi vor seinem Fernseher noch nicht aufraffen konnte.

 


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