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Günther Jauch – Quell der Wahrheit oder Lügenpresse?

Von Peter Haisenko 

Wie blauäugig muss ein „Journalist“ sein, der sich zu der Aussage versteigt, dass es nur wahr sein kann, wenn bei Jauch etwas veröffentlicht wird? Es war der BILD-Journalist Ernst Elitz, der so den griechischen Finanzminister während der Talkrunde bei Jauch der Lüge bezichtigt, ohne sich selbst die Mühe gemacht zu haben, der Wahrheit auch nur nahe zu kommen. Günther Jauch, der Oberlehrer der Nation, hat im Fall Varoufakis gegen alle Regeln verstoßen, was Journalismus und Anstand betrifft.

Vor jeder Talkrunde gibt es eine Vorbesprechung. Hier werden die Details angesprochen und die Diskutanten ermahnt, welche Richtung die Diskussion auf keinen Fall nehmen darf. Wer dagegen verstößt, wird nicht mehr eingeladen. (Das nur am Rande zum Thema „freie Meinungsäußerung“, die Frau Merkel im Zuge von „Charlie Hebdo“ als unser höchstes Gut bezeichnet hat.) In jedem Falle gehört es zum guten Ton, die Diskutanten über kritische Beiträge vorab zu informieren, die gezeigt werden sollen.

Seriöser Journalismus geht anders

Das hat Jauch bei Varoufakis offensichtlich nicht getan. Wäre es geschehen, hätte Varoufakis bereits vor der Sendung darauf hinweisen können, dass das fragliche Video mit dem „Stinkefinger“ eine Fälschung ist. Jauch hätte dann genügend Zeit gehabt das zu tun, was er als Journalist sowieso hätte tun müssen: Bei der Quelle nachfragen, ob dieses inkriminierende Video manipuliert sein könnte. Die Quelle war Jauch bekannt: Jan Böhmermann mit seinem Satiremagazin Neo Magazin Royale. Wie Böhmermann feststellt, hätte ein Anruf genügt, die Fälschung aufzuklären. Allerdings wurde die überaus wichtige Sendung, in der Böhmermann en Detail aufklärt, wie und warum diese Fälschung entstanden ist, wieder einmal erst nach Mitternacht im ZDF gezeigt. Hier der Link für alle, die sich ihre eigene Meinung bilden wollen. Das erste Video zeigt die ganze Sendung und das zweite (8 Minuten) den entscheidenden Ausschnitt: http://www.zdf.de/neo-magazin-mit-jan-boehmermann/neo-magazin-mit-jan-boehmermann-28352778.html

Damit hört die Manipulation aber noch lange nicht auf. Böhmermanns Satz „es handelt sich um eine Satire“ wird offensichtlich vorsätzlich aus dem Zusammenhang gerissen. Die großen Medien fehlinterpretieren, dass sich dieser Satz darauf beziehen soll, dass die Erklärung eine Satire sein soll, dass diese Fälschung eine Fälschung ist. Wer die Sendung mit Böhmermann gesehen hat, weiß es besser. Aber wie viele haben das gesehen, wenn es nach Mitternacht gesendet wird? Böhmermann hat unzweideutig gesagt, dass eben dieser gefälschte Stinkefinger als Satire hergestellt worden ist. In dieser Sendung ist auch das unmanipulierte Video gezeigt worden, das keine herabwürdigende Geste zeigt. (Siehe Link oben.)

Frühstück aus der Abfalltonne?

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Jauch in seiner Talkrunde überfordert zeigt, um es vorsichtig zu beschreiben. Zum wiederholten Mal hat er sich nicht als Moderator betätigt, sondern als Partei in die Diskussion eingegriffen, Partei im Sinn der Transatlantiker. Abgesehen davon, dass es zumindest als unglücklich bezeichnet werden kann, einen Diskussionsteilnehmer per Videoschaltung mit Dolmetscher zuzuschalten. So ist Varoufakis nicht nur einmal das Wort entzogen worden, indem sein Mikrofon einfach ausgeblendet wurde.

Dann der eingeschobene Bericht über das Privatleben des griechischen Finanzministers. Dazu der Kommentar, dass es wohl nicht schicklich sein kann, wenn der Finanzminister an einem wohlgefüllten Tisch mit seiner Frau frühstückt, während sein Volk Not leidet. Wie ist das zu verstehen? Soll der Minister sein Frühstück aus der Abfalltonne zusammensuchen, wie der ärmste Teil seiner Wähler, während griechische Oligarchen und Steuerflüchtlinge in St. Moritz im eigenen Hotel schlemmen und Champagner schlürfen? Die Tendenz dieser Einblendung ist offensichtlich: Griechenland, Varoufakis, muss als Bittsteller auftreten, der sich selbstverständlich dem Diktat der EU unterzuordnen und kein Recht hat, selbst einen Lebensstandard zu halten, der einem Minister zusteht.

Wer ist schneller – Griechenland oder Europa?

So ist es nicht nur die BILD-Zeitung, die unverhohlen die Stimmung gegen Griechenland aufheizt. Warum? Die Antwort ist einfach: Die neue griechische Regierung darf nicht erfolgreich sein. Bereits vor der Wahl, als die Gefahr erkennbar wurde, dass in Griechenland ein politischer Erdrutsch bevorsteht, sind die Weichen gestellt worden. Als das Wahlergebnis dann da war, wurde sofort damit begonnen, die neugewählte Regierung zu verunglimpfen. In allen Talkrunden werden der neuen Regierung die Fehler und Versäumnisse der Vorgängerregierungen vorgehalten. Nur vereinzelt wird darauf hingewiesen, dass die neue Regierung noch keine zwei Monate im Amt ist, obwohl genau das der wesentliche Punkt ist.

Die griechische Regierung hat ihr Vertrauen verspielt, sagt Euro-Diktator Schäuble. Ist er schon so senil oder ein gnadenloser Manipulator? Die neue griechische Regierung hat zumindest bei Schäuble noch nie Vertrauen genossen. So kann sie auch keines verspielen. Die nächste Mantra-artig vorgetragene Forderung an Griechenland heißt, sie müsste erst einmal „liefern“. Sie müsste Gesetze vorlegen, die alles und sofort ändern. Wie bitte? Innerhalb von weniger als zwei Monaten soll eine neue Regierung das vollbringen, was alle Vorgängerregierungen in Jahrzehnten vernachlässigt haben? Passend dazu kam letzte Woche die Meldung, dass die Bundesregierung und die EU ein neues Gesetz einführen werden/wollen, mit Hilfe dessen Finanztransaktionen europaweit nachvollzogen werden können. Man beachte den Zusatz: Dieses Gesetz soll – voraussichtlich(!) - Anfang 2016 in Kraft treten. Aha! Seit Jahren etablierte Regierungen sind also nicht in der Lage, ein Gesetz innerhalb eines Jahres durchzusetzen. Der neuen griechischen Regierung wird aber vorgehalten, dass sie innerhalb weniger als zwei Monaten noch kein fertiges und verabschiedetes Gesetz zustande gebracht hat. Geht’s noch?

Das „alternativlose“ Vorgehen hat durchaus Alternativen

Jeder neuen Regierung wird eine Schonfrist von hundert Tagen eingeräumt, auch der roten in Thüringen. Das ist das Minimum, das jedem zustehen sollte. Nicht so im Fall Griechenland. Warum? Ich wiederhole: Diese Regierung darf nicht erfolgreich sein. Warum? Sollte Griechenland mit der neuen Politik einen Weg aus der Krise finden – die Wahrscheinlichkeit ist hoch, wie genügend Fachleute bestätigen – dann wird das einen politischen Tsunami in Europa zur Folge haben. Alle etablierten Parteien, die bislang brav den Vorgaben der Finanzwelt gefolgt sind, werden abgewählt werden. Varoufakis, der wahrscheinlich der einzige Finanzminister der EU ist, der wirklich etwas von seinem Fach versteht, also kein Jurist ist, hat dann bewiesen, dass es eben doch Alternativen gibt, die im Wiederspruch zum bisherigen „alternativlosen“ Vorgehen stehen. Nicht nur das. Er hat dann bewiesen, wie falsch der bisherige Weg gewesen ist, der nur der Rettung des Bankensystems dient und die Macht des Kapitals bedingungslos stützt.

Doch zurück zu Herrn Elitz und seiner Einschätzung, dass es wahr sein muss, wenn es von Jauch kommt. Hätte dieser Systemjournalist dasselbe geäußert, wenn es sich um einen deutschen Minister handelt? Ich erinnere hier nur nebenbei daran, dass es wohl berechtigter sein dürfte, die Aussagen deutscher Minister und Abgeordneter in Zweifel zu ziehen, wenn man sich die Schmierenkomödie im Fall Edathy vornimmt – um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen. Die Aussage des Herrn Elitz zeugt von einer Medienhörigkeit, die nicht angebracht ist.

Manipulation, Desinformation, Propaganda…!

Erinnern wir uns nur an die manipulierten Bilder von dem Mann, der im Zuge des MH 17-Absturzes mit dem Teddy in der Hand gezeigt worden ist. Aus dem Zusammenhang gerissen sollte dieses Bild Zeugnis ablegen von der Grausamkeit der ostukrainischen Kämpfer. Wie das ganze Video beweist, war das Gegenteil die Wahrheit: Der Mann nimmt die Kappe ab, verbeugt sich respektvoll vor den Opfern und bekreuzigt sich. Auch diese manipulative Fälschung ist von den großen Medien nicht korrigiert worden. Im jetzigen Fall Varoufakis ist es allerdings noch schlimmer. Die großen Medien schrecken nicht davor zurück, die eindeutige Bestätigung des Jan Böhmermann nochmals zu manipulieren, dass sein Video von ihm selbst als Satire hergestellt worden sei. Ja, wenn es bei Jauch gezeigt worden ist, dann muss es wahr sein, ganz egal, was die Wahrheit ist. Jauch, der Oberlehrer-Mediengott, Hüter der Wahrheit?

Irgendwann ist es genug

„Lügenpresse“ ist angesichts dessen ein viel zu sanftes Wort. Hier geht es um vorsätzliche Meinungsmanipulation. Um brutale Propaganda, die im Wissen um die Wahrheit diese verdreht und auf den Kopf stellt. Wir haben einen Paragraphen 130, Volksverhetzung. Auch wenn dieser eine andere Zielrichtung hat, müsste er Im Fall Jauch/Varoufakis und der folgenden Lügen Anwendung finden. Wie anders kann es bezeichnet werden, wenn wider besseres Wissen Stimmung gegen eine demokratisch gewählte europäische Regierung gemacht wird? Herr Jauch hat ein hundertköpfiges Team zur Verfügung. Es kann nicht sein, dass es in diesem Team niemanden gegeben hat, der wusste, dass das Stinkefinger-Video einer Satire entstammt, also zu einem ganz anderen Zweck so verändert worden ist.

Drei Tatsachen lassen mich zutiefst erschaudern. Die geradezu hündische Gläubigkeit gegenüber den Systemmedien – hier speziell gegenüber Jauch – und die Leichtigkeit, mit der ein frisch gewählter Repräsentant einer europäischen Regierung als Lügner dargestellt wird. Der dritte Punkt ist allerdings der hässlichste: Selbst nachdem die Fälschung als solche erwiesen ist, wird an der Lüge festgehalten. Nicht einmal ansatzweise folgt das, was nicht nur in der Politik als selbstverständlich gelten sollte: Eine solide Entschuldigung. Im Gegenteil, es wird weiter gelogen. Eines Tages werden die Menschen genug davon haben und nicht mehr bereit sein, für die Lügenmärchen, die man ihnen auftischt, auch noch Zwangsgebühren zu entrichten. Das wäre das Ende des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und die Chance auf den Neubeginn eines journalistischen Wettstreits um Seriosität und Wahrheit. Die Züricher NZZ hat konsequenterweise bereits die Entlassung von Jauch gefordert.

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Hier die zitierten Artikel: 

Überforderte Talkrunde nach Putin-Interview 

Gefälschte Nachrichten zu MH 17 Absturz 

 

 

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