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Denkfehler eines Generals

Von Bernd Biedermann

Hans-Lothar Domröse, Vier-Sterne-General der Bundeswehr und seit Dezember 2012 Oberbefehlshaber des Allied Joint Force Command der NATO in Brunssum, fordert mehr Waffen für die „Partner“ im Osten. Er räsoniert: „Wenn Russland die gesamte Ukraine einnehmen wolle, könne Moskau das nicht durchhalten.“ Wie kann ein ernstzunehmender Militär annehmen, Russland wolle die Ukraine einnehmen?

Das Land steht ökonomisch schon geraume Zeit vor dem Zusammenbruch. Aber nicht nur die Wirtschaft, auch die Streitkräfte befinden sich in einem desolaten Zustand. Ohne die offiziellen und getarnten Finanzspritzen der EU, des IWF und der Weltbank hätte die Kiewer Regierung längst Bankrott anmelden müssen. In einem Interview für „Die Welt“ vom 19.6.2015 fordert Domröse, in die baltischen Länder „Querschnittsmaterial“ zu liefern. Darunter versteht er: Munition, Wasser, Brot, Sanitätsmaterial und – aufgepasst – „leichte Gefechtsstände“. Die Frage ist doch: Wozu braucht man leichte Gefechtsstände? Sie werden benötigt, um sofort mit Beginn militärischer Kampfaktionen Truppen führen zu können. Denkt der General etwa daran, dass es bald zu solchen Handlungen kommen könnte?

Aufrüstung oder teure Entsorgung von Altmaterial?

Nach dem sog. Querschnittsmaterial könne man dann Hubschrauber, Haubitzen, Schützenpanzer, Flugabwehrsysteme und schweres Pioniergerät liefern. Hier muss die Frage erlaubt sein, an welche Flugabwehrsysteme der General dabei denkt. Außer dem Patriot-System, das technisch und moralisch schon längst verschlissen ist, gibt es kaum entsprechendes Gerät, das man den neuen Partnern im Osten überlassen oder verkaufen könnte. Die Bundeswehr kann schon seit geraumer Zeit nur mit Mühe und Not die Einsatzbereitschaft des Patriot-Kontingents sicherstellen, das sich in der Türkei befindet.

Durchgeknallt oder linientreuer Karriere-Militär?

Der General hat bereits mehrfach mit forschen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht. Im November 2014 drohte er sogar mit militärischen Großmanövern gegen Russland. Kaum war die Bildung einer Speerspitze beschlossen, kündigte er an, sie im September 2015 bei dem Großmanöver „Trident Juncture“ in Spanien, Italien und Portugal einzusetzen.
Einem militärisch kompetenten Zeitgenossen stellt sich die Frage: „Ist der Mann durchgeknallt?“ Offensichtlich nicht, denn der General steht vor dem Abschluss einer „Bilderbuch-Karriere“.

Der Sohn von General Lothar Domröse trat 1973 in die Bundeswehr ein und wurde 1975 zum Leutnant ernannt. Nach einem zivilen Studium und verschiedenen Verwendungen im Truppendienst absolvierte er die Führungsakademie in Hamburg, war danach einige Jahre in der Truppe und wurde 1989 als persönlicher Referent ins Bundeskanzleramt versetzt. Von da an ging es steil bergauf mit der Karriere. Es folgten weitere Truppenkommandos und ein Einsatz als Referent im Planungsstab des BMVg. 1995 trat er eine dreijährige Auslandsverwendung im NATO Hauptquartier SHAPE in Mons an. Nach einem Einsatz im Kosovo wurde er Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 in Torgelow.

Wenig später übernahm er das Kommando über die Division Spezielle Operationen in Regensburg, um dann 2008 ein Jahr lang als Chef des Stabes der ISAF in Afghanistan weitere internationale Erfahrungen zu sammeln. Es folgte die Versetzung zum Heeresführungskommando nach Koblenz. Nach seiner Ernennung zum Generalleutnant übernahm er 2009 das Eurokorps in Straßburg. 2011 ging er für gut ein Jahr als deutscher Vertreter im NATO-Militärausschuss und im Militärausschuss der EU nach Brüssel. Im Dezember 2012 erhielt er den vierten Stern und übernahm den Oberbefehl über das Kommando der Vereinten Alliierten Streitkräfte in Brunssum.

In den 40 Jahren Dienst als Offizier begleitet Domröse 16 verschiedenen Dienststellungen, d.h. im Durchschnitt wechselte er alle 2½ Jahre die Funktion. Inwieweit sich dieser Verlauf seines militärischen Werdegangs positiv auf die Entwicklung der Bundeswehr ausgewirkt hat, muss an dieser Stelle offen bleiben. Es bleibt aber zu hoffen, dass er, ähnlich wie General Kujat, nach der Beendigung seiner aktiven Laufbahn die Courage aufbringt und ohne ständig auf bedingungslose Loyalität gegenüber dem Dienstherren zu achten, seinen militärischen Sachverstand einzusetzen und die Lage sowie das militärische Kräfteverhältnis realistischer zu beurteilen.

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