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„Unsere Mütter, unsere Väter“ – Aufregung um eine deutsche TV-Produktion, die Hollywood-Klischees nicht erfüllt

Von Hubert von Brunn

Bei der Aufarbeitung der neueren deutschen Geschichte – insbesondere wenn es um das dunkle Kapitel von Nazi-Diktatur und 2. Weltkrieg geht – haben alle, egal welcher Nationalität, egal welchen Alters sofort die „passende“ und niemals zu hinterfragende Antwort parat: Die Deutschen waren stets die Bösen, alle anderen immer die Guten. Dieses in Stein gemeißelte Diktum zeigt sich jetzt einmal mehr an der harschen Kritik, die dem TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ in den USA, in Israel, Polen, Spanien und vielen anderen Ländern auf der Welt entgegenschlägt. Ein Film, der in 270 Minuten die Geschichte fünf junger Deutscher (ab 1941) erzählt, von denen drei – darunter auch noch ein Jude – den Krieg überleben und sich in den Ruinen Berlins wiederfinden…? Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!

In unzähligen Kino- und TV-Produktionen hat Hollywood in den zurückliegenden knapp 70 Jahren die Marschrichtung vorgegeben, die bei der filmischen Umsetzung des Themenkreises Nazi-Deutschland – Krieg – Gewalt – Zerstörung – Vertreibung unbedingt einzuhalten war: Die deutschen Offiziere haben kaltschnäuzig, zynisch und brutal zu sein, die Soldaten der Wehrmacht etwas tumb, absolut obrigkeitshörig und auch brutal; die Bestie des Krieges kann sich nur im Schatten der Hakenkreuzfahne entfalten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, insbesondere gegen die Juden, können ausschließlich von deutscher Seite ausgehen; das unendliche Leid, das Krieg und Vertreibung über Millionen Zivilisten in Europa gebracht haben, ist für alle beteiligten Nationen zutiefst bedauerlich – was die Deutschen anlangt, ist das eher als Kollateralschaden zu betrachten. Schließlich waren die Deutschen selbst Schuld, dass sie ihrem Hitler hinterher gerannt sind. So einfach schwarz-weiß wurde (und wird) in Hollywood – sehen wir von Spielbergs „Schindlers Liste“ einmal ab – dieses Kapitel der europäischen Geschichte abgehandelt.

Lebenswege von Menschen einer „verlorenen Generation“

Und jetzt kommt ein deutscher TV-Produzent, Nico Hofmann, daher und ist mit seinem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ nicht bereit, dieses Klischee von Hollywoods Gnaden zu bedienen. Er wagt es, Deutschen der Kriegsgeneration in Gestalt von drei jungen Männern und zwei jungen Frauen ein menschliches Gesicht zu geben. Er zeigt, wie eine lebenslustige Clique in den Krieg hineingezogen wird, wie sich die Wege der Freunde in diesem Chaos verlieren und – zumindest für die drei Überlebenden – im zerbombten Berlin wiederfinden. Hofmann erdreistet sich, seine fünf Protagonisten nicht als die Inkarnation des Bösen zu typisieren, sondern sie zu psychologisieren. Junge Menschen, die sich fraglos ein anderes Leben erträumt hatten als das, das ihnen schließlich zuteil wurde. Angehörige einer „verlorenen Generation“, denen die „Gnade der späten Geburt“ eben nicht zuteil wurde, sondern die das Pech hatten, zur falschen Zeit an einen unglücklichen Ort hineingeboren zu werden und sehen mussten, wie sie damit zurecht kamen. Damit hat Hofmann alle Regeln der internationalen Geschichtsaufarbeitung für Deutschland gebrochen. Zu diesem mutigen Schritt kann man ihm nur gratulieren.

Die Goldene Kamera und Disneys Glaubwürdigkeit

Völlig zu recht wurde dieser Dreiteiler am Wochenende in Berlin von einer unabhängigen Fachjury als bester TV-Spielfilm im Jahr 2013 mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Erfreulich, dass sich die mit deutschen Filmschaffenden besetzte Jury von dem Diktat Hollywoods bei ihrer Entscheidung nicht beeinflussen ließ. Wie es scheint, gewinnen die Deutschen allmählich doch wieder etwas Selbstbewusstsein im Umgang mit diesem zweifelsohne problematischen Kapitel unserer Geschichte.

Genau das aber ist es, was nicht sein darf. Exemplarisch zeigt sich das an den Kommentaren eines jüdischen Ehepaars, das – ironischer Weise fast zeitgleich zur Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin – „Unsere Mütter, unsere Väter“ in einem Kino in Tel Aviv in deutsche Sprache mit englischen und hebräischen Untertiteln angesehen hat. Die Berliner Tageszeitung BZ berichtete am heutigen Montag davon, und meine Zitate beziehen sich auf diesen Bericht.

„Wir haben Disney-Filme gesehen, die glaubwürdiger waren“, soll ein Ehepaar mit Namen Rosenblum, dem 58- bzw. 62-jährig ebenfalls die „Gnade der späten Geburt“ zuteil geworden ist, nach Betrachtung des Films gesagt haben. Nun ja, ich kenne keinen Disney-Film, der auch nur annähernd jemals den amerikanischen Mainstream verlassen hätte. Damit kann man sich als israelischer Staatsbürger natürlich immer mühelos identifizieren. Ganz und gar nicht verstehen konnte das Ehepaar Rosenblum, dass einer der Überlebenden aus der Fünferclique im  Film  ein Jude war, dem die Flucht aus Auschwitz gelang, der dann mit Partisanen kämpfte und auch noch Hunderte anderer Juden befreite. „Wo hat es denn so etwas gegeben“, fragten sie empört und bezeichneten diesen Teil des Plots als „Ausgeburt einer Drehbuchschreiber-Fantasie“. Nun ja, so einfach kann man es sich natürlich auch machen, wenn die kritiklos verinnerlichten Klischees nicht erfüllt werden.

Eine 70-jährige Zuschauerin konnte sich immerhin noch zu der Bemerkung hinreißen lassen, der Film sei „universal bewegend“ und zu der Feststellung, dass „ein erfrierender Deutscher in Russland auch gelitten“ habe. Na immerhin. Den Nachsatz „Aber die Deutschen haben begonnen“, konnte sich die alte Dame denn doch nicht verkneifen.

Nico Hofmann und das Ende der Klischees

Nazi-Deutschland hat Schuld auf sich geladen, keine Frage. Aber kein anderes Land der Welt hat nach dem Ende des 2. Weltkriegs so detailliert, so nachhaltig und so vorbehaltlos offen die Aufarbeitung der Geschehnisse in jener Zeit und die Frage nach Schuld und Sühne betrieben. Daran kann sich eine Reihe der in diesen Krieg involvierten Länder wie Russland, Polen, Tschechien, Slowakei, Niederlande, England, Frankreich – um nur die wichtigsten zu nennen – ein Beispiel nehmen. Irgendwann muss die Schwarz-Weiß-Malerei à la Hollywood ja mal ein Ende haben. Und wenn der Produzent Nico Hofmann, unbeeindruckt von der Kritik aus dem Ausland, jetzt plant, eine Serie über Adolf Hitler, aufbauend auf der Hitler-Biografie des (deutschen!) Historikers Thomas Weber zu produzieren, dann kann man ihm schon jetzt für dieses Projekt gutes Gelingen und viel Erfolg wünschen.

Die Welt wird sich daran gewöhnen müssen, dass wir nicht länger bereit sind, das Hollywood-Diktat zu akzeptieren, sondern inzwischen selbstbewusst genug, unsere Geschichte – auch die Kapitel, auf die wir nicht wirklich stolz sind – kritisch aufzuarbeiten, um den nachfolgenden Generationen ein realistisches Bild jener Zeit zu hinterlassen.   

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Wir empfehlen das Buch in zwei Bänden „Der Weg vom Don zur Isar“ von Vadim Grom für alle, die an gelebter Geschichte der Zeit des Zweiten Weltkriegs interessiert sind. Vadim Grom bietet Einsichten in das Leben unter Stalin in Russland und beschreibt seinen Weg als Russe im Dienst der Wehrmacht. Wie im oben benannten Film weicht die Darstellung deutlich ab von dem, was in Deutschland als „Geschichtsschreibung“ vorgeschrieben ist. Ein einmaliges Werk eines Zeitzeugen, aus einer anderen, der russischen Sicht auf die Geschehnisse der Zeit von 1932 bis 1945.

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ISBN 978-3-940321-12-1 / 978-3-940321-15-2

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